Religiöse Rituale in der Antike


Das Fehlen einer vereinheitlichten Priesterkaste bedeutete zugleich, dass eine vereinheitlichte kanonische Form religiöser Texte oder Praktiken ebenso nicht existierte; wie es in der griechischen Religion keinen allgemein verbindlichen heiligen Text gab, so gab es auch keine Standardisierung der religiösen Praxis. Stattdessen wurden die religiösen Handlungen auf der lokalen Ebene organisiert, wobei die Priester normalerweise Beamte der entsprechenden Ortschaft waren, oder sie erhielten ihre Autorität durch eines der vielen Heiligtümer. Manche priesterliche Funktionen, wie etwa die Betreuung eines bestimmten lokalen Fests, konnten über die Tradition an eine bestimmte Familie übergehen. Religiöse Handlungen erhielten in Ermangelung verbindlicher heiliger Texte ihre Autorität in hohem Ausmaß daher durch die Tradition, wobei „jedes Versäumnis oder jede Abweichung tiefe Besorgnis hervorruft und Sanktionen nach sich zieht“.

Religiöse Zeremonien und Rituale wurden bei den Griechen meist an Altären durchgeführt, wobei letztere gewöhnlicher Weise einer oder mehreren Gottheiten geweiht waren und mit einer Statue der betreffenden Gottheit versehen waren. Am Altar wurden auch Votivgaben, wie etwa Essen, Getränke oder kostbare Gegenstände, abgelegt. Manchmal wurden hier auch Tieropfer durchgeführt, bei denen man das meiste Fleisch aß, und die Innereien zu Ehren der Götter verbrannte. Trankopfer, meist mit Wein, wurden ebenso den Göttern dargebracht, diese allerdings nicht ausschließlich an Altären oder Schreinen, sondern auch bei alltäglichen Anlässen, wie etwa einem Symposion.

Ein in der griechischen Welt weit verbreitetes Ritual war der pharmakós, bei dem ein symbolischer Sündenbock – ein Sklave oder ein Tier – aus einer von Krisen oder Gefahren geplagten Ortschaft getrieben wurde, womit man die Hoffnung verband, die betreffende Bedrohung würde mit dem Sündenbock verschwinden.