Kategoriearchiv: Gedanken zum Stück

Eine Melodie, die nicht passt

Wenn du dich vorab über unser Stück informieren willst, bieten wir dir jetzt schon einige spannende Texte! Heute: André Brill hat die Musik für Orpheus Shorts komponiert, und hier erzählt er, wie sie gebaut ist.

Weitere Texte:
Einleitung zum Stück
Was unser Orpheus nicht lernt – ein Schlüsseltext zur Inszenierung
Die sieben Geschichten im Detail

Die Musik für Orpheus Shorts ist eine Originalkomposition. Sie wurde für das Stück geschrieben und von der Dramaturgie der Szenen inspiriert.

Das Spiel auf der Bühne triggert die Musik. Zum Teil wurde sie vorab aufgenommen und wird während der Aufführungen über Loops eingespielt; zum Teil wird sie live gespielt.


Die Komposition ruht auf vier Akkorden, die einen Namen buchstabieren: h – a – d – es. Sie ist vollständig reduziert: auf die vier Akkorde, auf ein Tempo, auf einen – elektronischen – Klang.

Die vier Akkorde sind vermindert. Sie lösen sich nicht auf, sind weder Dur noch Moll. Sie bleiben und lassen alles offen.

Jede Szene ist Variation und Wiederholung. Motive kehren wieder, verändern sich kaum merklich und kommen nicht zum Ende. Diese Bewegung kannst du sehen: wenn der Hades in Schwingung gerät. Nichts endet. Alles kommt wieder.

Es gibt keinen Gleichschritt. Die Motive folgen unterschiedlichen Taktmaßen. Sie legen sich übereinander, treffen sich für einen Moment, um direkt wieder auseinanderzulaufen. Keine Stimme kommt zur Ruhe, keine setzt sich durch.

Die Musik steht nie still. Sie bleibt offen, rastlos, zerrissen.

Nur eine Melodie passt nicht in den Fluss der Loops. Sie fällt aus dem Rahmen, stolpert gegen den Takt und findet keinen Platz. Das ist die Melodie des Orpheus: die Sehnsucht, die sich nicht erfüllt. Die ihren Ort sucht. Und ihn schlussendlich im Blick zurück findet: im Orpheus-Song.

Herzlich Willkommen zu Orpheus Shorts!

Wenn du dich vorab über unser Stück informieren willst, bieten wir dir jetzt schon einige spannende Texte! Eine erste Übersicht findest du in diesem Beitrag, mehr hier:

Was unser Orpheus nicht lernt – ein Schlüsseltext zur Inszenierung

Die sieben Geschichten im Detail

Die Geschichte ist schnell erzählt. Orpheus‘ Frau Eurydike stirbt. Orpheus steigt in die Unterwelt hinab und singt so lange, bis Hades und Persephone nachgeben: Er darf sie zurückholen – unter einer einzigen Bedingung. Er darf sich auf dem Weg nach oben nicht nach ihr umdrehen. Kurz vor dem Ausgang blickt er zurück und verliert sie ein zweites Mal, endgültig.

So kennen wir sie heute. Aufgeschrieben hat sie in dieser Form der römische Dichter Vergil – aber erfunden hat er sie nicht. Sie ist da schon rund fünfhundert Jahre alt, und Vergils Fassung ist bloß die älteste, die uns erhalten geblieben ist. Bei den Griechen hieß Eurydike zwischendurch Agriope. Und in manchen ihrer Fassungen geht die Sache gut aus.

Überhaupt war der Gang in die Unterwelt lange nicht das Wichtigste an Orpheus. Er fuhr als Argonaut mit Iason und Medea. Er galt als der vollkommene Musiker, dem Tiere, Bäume und Felsen zuhörten. Und um ihn herum entstand eine ganze Religion, die Orphik, mit Mysterien und der Vorstellung von der Wanderung der Seelen.

Mythen sind vielfältig. Heute hätten wir sie gern harmonisiert, damit alles zusammenpasst – aber Varianten mussten nie zueinanderpassen. Genau das hat uns gereizt. Wir erzählen den Mythos nicht nach, wir erzählen ihn sieben Mal neu: sieben Kurzstücke über Menschen, die etwas verloren haben, das für sie alles war. Mal satirisch, mal tragikomisch, mal dramatisch. Und doch immer gleich. In jeder dieser Geschichten steckt ein Orpheus und eine Eurydike – man muss nur wissen, wonach man sucht.

Orpheus gilt als der erste Künstler überhaupt: der geniale Schöpfer, dem sogar der Tod zuhört. Diese Erzählung kennt nur zwei Plätze – das Genie und die Muse an seiner Seite. Bei uns kommt die Aufteilung nicht vor, auch nicht mit vertauschten Rollen. Unsere Figuren scheitern nicht daran, auf dem falschen Platz zu stehen, sondern an der Vorstellung selbst: dass Kunst jedes Opfer wert sei. Sie setzt einer Filmemacherin genauso zu wie einem Schriftsteller. Uns geht es um die Macht der Kunst, nicht um die Macht des Künstlers.

Bleibt die Frage, die seit zweieinhalbtausend Jahren keine gute Antwort gefunden hat: Warum dreht er sich um? Weil er es nicht aushält, nicht zu wissen? Weil er ihr nicht traut? Oder weil er ahnt, dass hinter ihm längst niemand mehr geht?

Wir haben eine Vermutung. Die verraten wir dir aber erst am Ende des Abends.

Es ist unser Stück. In deiner Welt.

Was unser Orpheus nicht lernt

Unser Programmheft ist im Druck. Bis zur Premiere stellen wir hier schon einige Texte daraus vor. Den Anfang macht die Frage, woher unsere Geschichte eigentlich kommt und was sie in ihrer ältesten Fassung erzählt.

Die älteste erhaltene Fassung unserer Geschichte steht in einem Lehrgedicht über Landwirtschaft. Vergil schreibt im vierten Buch der Georgica über Bienenzucht, und ganz am Ende hängt er eine kleine Erzählung an: Ein junger Imker namens Aristaeus verliert sein Bienenvolk und bricht in Tränen aus. Um ihm zu helfen, erzählt ihm ein Meergreis eine Geschichte – die von Orpheus und Eurydike.

Der Literaturwissenschaftler Terence Dawson hat diesen Doppelbau untersucht. Was er darin findet, ist unbequem.

Zwei Begriffe stehen bei ihm im Zentrum. Unerträglicher Verlust heißt: der Verlust von etwas, das so viel wert ist, dass man sich ein Leben ohne es nicht vorstellen kann. Unerfüllbare Sehnsucht heißt: das Verlangen, genau das zurückzuholen – obwohl es nicht zurückkommen kann.

Vergils Fassung, schreibt Dawson, handelt nicht von Liebe. Von dem, was Orpheus und Eurydike vor ihrem Tod miteinander hatten, steht bei Vergil kein einziges Wort. Sie handelt davon, wie er an ihr festhält, nachdem sie tot ist. Eurydike war für ihn das höchste Gut, der Maßstab für alles. Ohne sie kann er sich kein Leben vorstellen – und deshalb kann er sie nicht gehen lassen.

Und dann kommt der Satz, der alles dreht: Ein Mythos handelt nie von seiner Geschichte. Die Bienen sind nicht das Thema. Vergil interessiert, wie Aristaeus sich verhält: Er reagiert maßlos auf einen Verlust, der sich ersetzen ließe – Bienen bekommt man beim Nachbarn. Und die Geschichte, die man ihm erzählt, führt ihm jemanden vor, der genauso reagiert – Orpheus.

Orpheus steigt hinab, bekommt sie unter der einen Bedingung zurück, dreht sich doch nach ihr um und verliert sie ein zweites Mal. Er steht mit leeren Händen da. Dawson fügt hinzu: schlimmer noch, er kommt zurück, ohne etwas gelernt zu haben. Statt sich zu fragen, was ihm da widerfahren ist, versinkt er tiefer in seiner Trauer. Er geht nicht nach Hause, sondern immer weiter fort. Er verliert den Boden unter den Füßen.

Die Aufgabe, sagt Dawson, war nie, Eurydike zurückzuholen. Sie war: zu erkennen, dass er keinen Anspruch darauf hatte, sie zurückzubekommen. Sie als tot anzunehmen. Und sein Leben neu einzurichten.

Aristaeus lernt ebenso wenig. Er versteht nicht einmal, warum man ihm diese Geschichte überhaupt erzählt hat. Am Ende bekommt er neue Bienen, und es sieht aus wie ein gutes Ende. Dawson borgt sich dafür eine Zeile von T. S. Eliot: Er hatte die Erfahrung, aber ihren Sinn verfehlt.

Fünf Begriffe hält Dawson am Schluss fest: unerträglicher Verlust, unerfüllbare Sehnsucht, Abstieg – und dazu Verzweiflung und Selbst-Bewusstsein, also sich seiner selbst bewusst werden. Die ersten drei, vermutet er, gehörten schon zum griechischen Mythos. Die beiden letzten hat Vergil hinzugefügt.

Weil der Mythos nicht an seiner Geschichte hängt, sondern an diesen Begriffen, erzählen wir siebenmal und nicht einmal. Sieben Menschen verlieren etwas, ohne das sie sich ihr Leben nicht vorstellen können. Niemand bekommt es wieder. Der Blick zurück ist die Erkenntnis: Es ist verloren. Die eigentliche Frage kommt danach, und sie ist jedes Mal dieselbe: Wer bin ich, wenn es verloren bleibt?

Nach: Terence Dawson, „The Myth of Orpheus and Eurydice as Moral Philosophy: Virgil’s Epyllion“, in: Orpheus and Eurydice in Myth, History, and Analytical Psychology. Routledge, London 2025, S. 15–25. Übersetzung und Zusammenfassung von uns. Die Zeile „Er hatte die Erfahrung, aber ihren Sinn verfehlt“ stammt aus T. S. Eliot, The Dry Salvages (1941).

Du möchtest dich weiter zu dem Stück informieren? Finde hier unsere Impulse zu den sieben Kurzgeschichten von Orpheus Shorts:

(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?
(7) Warum würdest du weniger sein wollen

Warum würdest du weniger sein wollen?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?

Orpheus droht sich aufzulösen. Sechs Geschichten lang hat er zugesehen, wie Menschen festhalten, was sie verlieren. Jetzt treibt er selbst im Strom der Seelen, mitten im Hades.

Da stellt sich ihm jemand in den Weg, der diesen Ort kennt wie niemand sonst: Persephone. Sie hat keinen Trost für ihn. Sie konfrontiert ihn mit ihrer eigenen Geschichte.

Sie war einmal ein Mädchen auf den Feldern ihrer Mutter, zwischen Weizen und wildem Mohn. Dann wurde sie als Braut verschenkt, von hinten gepackt und unter die Erde gerissen – in dieselbe Erde, in der sie ihr Leben lang gespielt hatte. Dieses Mädchen gab es danach nicht mehr. Ihre Mutter wütete darüber so sehr, dass sie den Winter erschuf – und sie war im Recht, wütend zu sein.

Persephone erzählt das nicht, um etwas zurückzuholen. Sie weiß, dass das nicht geht:

„Manche Dinge sind für immer verloren. Der Verlust ist nun ein Teil von euch.“

Dabei ist sie nicht allein. Um sie herum stehen Gestalten in Schwarz, Versionen ihrer selbst, und immer wieder zerspringt das Bild – auf der Bühne und auf unseren Videowänden. Nichts davon passt zusammen. Sie trauert um das Mädchen, das sie einmal war, und sie freut sich an der Frau, die sie geworden ist. Ihr wurde Gewalt angetan, und sie definiert sich nicht darüber.

Darin liegt ihre Antwort, und sie ist nicht glatt. Persephone löst keinen dieser Widersprüche auf. Sie hört auf, sich zwischen ihnen entscheiden zu wollen. Erst dann findet sie den Satz, auf den ihre Geschichte die ganze Zeit zuläuft:

„Ich bin beides.“

„Poetic mess of contradictions“ ist unsere siebte Saite, unser Mono-Drama. Und das Ende des Abends.

Das war die letzte der sieben. Ab dem 30. Oktober spielen wir sie alle hintereinander, acht Mal.

Ein Hinweis, weil er zu dieser Geschichte gehört: Der Abend behandelt unter anderem seelische Gewalt in einer Beziehung und sexualisierte Gewalt.

Hat jede Geschichte ein Ende?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(7) Warum würdest du weniger sein wollen?

Ein Krankenzimmer. Ein alter Tänzer im Rollstuhl, und seine Tochter, die zu Besuch kommt – mit einem Doughnut und einer Beschwerde über den vollen Parkplatz.

Oskar war Tänzer. Von allen Künsten ist das die, die am unmittelbarsten an einen Körper gebunden ist – und er sitzt im Rollstuhl. Dieser Verlust steht die ganze Szene über im Raum.

Oskar weiß, dass es zu Ende geht. Er hat nur eine Bitte: Elisabeth soll ihm noch einmal die Geschichte erzählen. Die eine, die sie beide kennen.

Sie erzählt sie nicht. Sie weicht aus, mit allem, was sie hat: mit dem miesen Tag im Büro, mit dem Abendessen, mit Witzen. Denn sie weiß, was das Erzählen bedeutet.

„Ich kann dir die Geschichte nicht erzählen. Nicht, wenn du mich danach verlässt.“

Auch sie hält den Abschied auf, indem sie etwas nicht tut: Solange sie nicht erzählt, bleibt er.

In unseren anderen Shorts kämpft jemand gegen den Verlust. Hier nicht. Oskar hat seinen Frieden gemacht – und die Sehnsucht liegt bei der, die bleibt, nicht bei dem, der geht.

Dazwischen steht ein Pfleger, der dreimal ansetzt und dreimal unterbrochen wird. Ihm stellt Oskar die Frage, um die es geht, und die Antwort ist der trockenste Satz des Abends:

„Ein offenes Ende ist auch irgendwie ein Ende, oder?“

Rot zieht sich durch alle sieben Geschichten: der Gegenstand, an dem der Verlust hängt, und das Kostüm der Figur, um die es geht. Hier sind es Blumen im Krankenzimmer – und Oskars Jacke.

Und diese Szene ist fast bis zum Ende still. Sonst läuft der ganze Abend über einer einzigen, durchlaufenden Musik. Hier schweigt sie lange.

„Every story has an end“ ist unsere sechste Saite, unser Kammerspiel.

Nächste Woche stellen wir dir die siebte und letzte Saite vor. Da geht es um eine Frau, die als einzige schon durch die Hölle gegangen ist.

Kann es überhaupt möglich sein?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?
(7) Warum würdest du weniger sein wollen?

Eine Fotografin steht vor ihrer Kamera und streckt die Hände aus. Sie kommt nicht an sie heran.

Jedes Mal, wenn sie sie fast berührt, erscheint hinter ihr ein Schatten und spricht. Es sind Stationen einer Beziehung, und sie laufen der Reihe nach ab: das erste Date, die ersten Sätze, die sich anfühlen wie Ankommen. Dann die Sätze, die etwas verschieben. Dann die, die etwas wegnehmen. Keiner davon ist für sich genommen Grund genug zu gehen.

Emma sagt dabei sehr lange nichts. Fast die ganze Szene hindurch fällt kein Wort von ihr. Sie erstarrt, sie hält sich die Ohren zu, sie dreht sich um – und findet nie jemanden, den sie ansehen könnte. Die Schatten verblassen, bevor sie sie erreicht.

Denn der Mann, um den es geht, tritt nie auf. Er hat keinen Körper. Er ist eine Stimme im Rücken, mal von der einen Seite, mal von der anderen.

Was ihr genommen wurde, ist nicht die Kamera. Die steht da. Es ist die Selbstverständlichkeit, sie in die Hand zu nehmen.

Und was sie zurückhaben will, ist kein Gegenstand und kein Können. Es ist die Frau, die sie war, bevor jemand angefangen hat, ihr zu erklären, wer sie ist.

„Ich kann sie nicht halten. Nicht mal anfassen ohne zu zittern.“

Auch sie streckt die Hand nach etwas aus, das sie nicht mehr erreicht.

„If it is possible at all“ ist unsere fünfte Saite, unser psychologisches Drama.

Ein Hinweis, weil er zu dieser Geschichte gehört: Der Abend behandelt unter anderem seelische Gewalt in einer Beziehung und sexualisierte Gewalt. Falls du das vor einer Entscheidung wissen wolltest – jetzt weißt du es.

Nächste Woche stellen wir dir die sechste Saite vor. Da geht es um einen alten Tänzer und um eine Geschichte, die seine Tochter ihm nicht erzählen will.

Kann Kunst die Welt verändern?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?
(7) Warum würdest du weniger sein wollen?

Im Mittelpunkt dieser Szene steht ein Gemälde. Und sie spielt in zwei Zeiten.

Die eine liegt Jahrhunderte zurück. Eine Malerin hat einen Förderer gefunden. Er zahlt großzügig und sagt von Anfang an, was er dafür haben will: ein Porträt des Kaisers. Dann kommt eine Anzahlung. Dann eine Frist, drei Monate statt einem halben Jahr. Dann der Hinweis, dass der Kaiser in die Stadt kommt und das Bild sehen wird.

Und es bleibt nicht beim Bild. Er preist sie an, er stellt sie aus, und er lässt keinen Zweifel daran, dass er sie für einen Teil dessen hält, was er bezahlt.

An ihrer Seite arbeitet ihre Partnerin. Sie weiß, woher das Geld kommt. Sie weiß nicht, was der Mann dafür verlangt. Deshalb trifft sie ihn ungeschützt – und stellt ihre Frage noch in dem Glauben, es ginge hier um Kunst:

„Seit wann denkst du, dass Kunst gefallen muss?“

Er hat nie ein Bild gekauft. Er hat sich ein Verfügungsrecht gekauft – über das Werk und über die, die es macht.

Die andere Zeit spielt in einem Museum, irgendwann später. Ein Guide führt eine Gruppe durch die Sammlung, bleibt vor einem Bild stehen und erzählt dessen Geschichte: technisch bemerkenswert, lange fast vergessen, dann auf spektakuläre Weise doch noch an die Öffentlichkeit gelangt – und es habe einen politischen Umbruch in Gang gesetzt. Sein Schlusssatz:

„Sie sehen: Kunst kann das Weltgeschehen verändern.“

Der Guide hat recht. Das Bild hat die Welt verändert. Er erzählt das als Erfolgsgeschichte und weiß nicht, was sie gekostet hat. Die Frau, die es gemalt hat, hat seinen Satz nie gehört.

Auch ihr wird etwas versprochen, das an eine einzige Bedingung geknüpft ist.

„Art can change the world“ ist unsere vierte Saite, unser Sozialdrama.

Nächste Woche stellen wir dir die fünfte Saite vor. Da geht es um eine Fotografin, die ihre Kamera nicht mehr halten kann.

Perfekt ist der Feind von gut?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?
(7) Warum würdest du weniger sein wollen?

Ein Mann sitzt an seiner Schreibmaschine. Die Hände liegen bereit wie bei einem Pianisten. Es klackert. Dann Stille. Dann verschwindet das Blatt in der Schublade.

Ein neues Blatt, sehr sorgfältig eingezogen. Zerknüllt. Ein Ritual des Nichtschreibens.

Dabei läuft alles gut für ihn. Sein letztes Buch steht auf den Bestsellerlisten, er ist für den Buchpreis nominiert.

Nur hört er das nicht. Er hört etwas anderes, und er hört es überall: aus dem Telefon, vom Postboten, von seiner Haushälterin, aus dem Fernseher. Sogar aus der Schreibmaschine.

„Ihr letztes Buch war total wertlos und langweilig – von der ersten bis zur letzten Zeile.“

Dann reden alle weiter, als wäre nichts gewesen. Gesagt hat es ja auch niemand. Was da spricht, ist seine eigene Stimme – das, was er die anderen über sich denken hört. Widersprechen kann er ihr nicht: Sie steht nicht im Raum, sondern im Kopf.

„Perfekt ist der Feind von gut“, sagt seine Freundin. „Du bist zu streng zu dir.“ — „Wenn ich nicht mein strengster Kritiker bin“, antwortet er, „dann werden sie mich zerfleischen.“

Sein Anspruch ist so hoch geworden, dass nichts mehr daran vorbeikommt. Kein Satz, kein Bild, keine Figur. Und wonach er sucht, ist am Ende gar nicht das perfekte Buch. Es ist sein erstes – geschrieben, als noch niemand etwas von ihm erwartete, er selbst am wenigsten. Ein Erstlingswerk schreibt man nur einmal.

Den Rest besorgen die Stimmen. Am Ende steht kein strengeres Buch. Es steht gar keins.

Auch er will etwas zurückholen, das es nicht mehr gibt.

„Perfect is the enemy of good“ ist unsere dritte Saite, unsere Tragikomödie. Sie ist komisch, solange man von außen zusieht.

Nächste Woche stellen wir dir die vierte Saite vor. Da geht es um eine Malerin – und um ein Bild, das du den ganzen Abend nur von hinten sehen wirst.

Kein Opfer ist zu groß?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?
(7) Warum würdest du weniger sein wollen?

Eine Stadt unter Beschuss. Die feindliche Armee steht im Zentrum, in einer halben Stunde fährt der letzte Zug. Die Filmemacherin sitzt am Schneidetisch und arbeitet.

Ihre Assistentin fleht sie an mitzukommen. Es nütze doch nichts, wenn sie hier stirbt. Die Filmemacherin wiegelt ab – der Schnitt muss erst noch fertig werden.

Das ist keine mutige Entscheidung, und es ist auch keine schwere. Es ist überhaupt keine – für sie steht nichts zur Wahl:

„Du verstehst es nicht. Wie denn auch? Was ist mein Leben wert? Nichts im Vergleich zu diesem Werk! Kein Opfer ist zu groß!“

Als der Strom ausfällt, nimmt sie den Film aus der Maschine, legt ihn in seine Rolle und spricht ihn an wie ein Kind, bevor sie schließlich fliehen muss.

Am Ende zählt nur noch eine Sache, und alles andere wird verhandelbar.

Hinter unseren Schattenwänden läuft dann ihr Leben ab. Nicht als Entschuldigung, eher als Beweisführung: Kränkungen, Kompromisse, Angebote, die man nicht ablehnt. Man sieht einer Frau dabei zu, wie ihr Stück für Stück alles abhandenkommt, was sie diesem einen Satz hätte entgegenhalten können.

Auch sie geht einen Weg nach oben, mit etwas, das sie nicht verlieren darf.

„No sacrifice is too big“ ist unsere zweite Saite. Kein anderer unserer Shorts beginnt so laut – und keiner wird danach so still.

Nächste Woche stellen wir dir die dritte Saite vor. Da geht es um einen Mann, der nicht mehr schreiben kann – und um die Stimmen, die er überall hört.

Zu groß zum Sterben?

Ab heute stellen wir dir jede Woche einen unserer sieben Shorts vor. Sieben Kurzgeschichten, sieben Menschen – und sieben Mal dieselbe Frage: Was passiert mit dir, wenn du verlierst, was sich nicht ersetzen lässt?
Wir fangen dort an, wo es am lautesten ist.

O ist ein Weltstar. Fünf Alben, 281 Millionen Follower. Und ein Vertrag, aus dem sie raus will.

Denn ihre Plattenfirma hat etwas getan, was sie ihr nicht verzeiht: Sie hat das Lied „Flügel“ als Werbejingle an eine Fluggesellschaft verkauft. An die Fluggesellschaft, bei deren Absturz Os Eltern gestorben sind.

Also steht O an diesem Morgen im Büro der CerBerUs Music Group. Drei Menschen führen dieses Unternehmen: Cer, Ber und Us. Sie lachen viel, und ihr Lachen klingt wie Gebell. „Wir kläffen nicht, wir bellen“ – das ist seit Jahren ihr Slogan.

O ist nicht allein gekommen. Sie hat ihren Anwalt dabei und ihre Band: Sis an der Gitarre, Tan am Schlagzeug, Ix am Gesang, Ti am Bass. Und sie hat 281 Millionen Menschen im Rücken.

„Ich habe mir einen Ruf aufgebaut, den kann man nicht mehr zerstören“, sagt sie. „Ich bin zu groß zum Sterben.“

Wer die griechischen Sagen kennt, ahnt vielleicht schon, wer Cer, Ber und Us gemeinsam ergeben. Und wer von Sisyphos, Tantalos, Ixion und Tityos gehört hat, sollte bei den Namen von Os Band genauer hinhören. Diese vier haben in der Unterwelt eine Strafe bekommen, die niemals endet. Was passiert wohl, wenn ihnen jemand genau diese Strafe anbietet – und sie klingt wie ein Angebot, das man nicht ausschlägt?

„Too big to die“ ist unsere erste Saite und der satirischste unserer sieben Shorts. Es wird viel gelacht in dieser Szene. Und irgendwann merkst du, worüber.

Nächste Woche stellen wir dir die zweite Saite vor. Da geht es um eine Frau, die für einen einzigen Film alles aufgibt.

Karten für „Orpheus Shorts“ kannst du ab dem 22. August reservieren – alle Termine findest du hier.

Bisher haben wir folgende weitere Saiten veröffentlicht:
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?
(7) Warum würdest du weniger sein wollen?