Archiv der Kategorie: Gedanken zum Stück

Anstiftung zum Widerstand

Ein spirtueller Impuls zum „Der Glöckner von Notre Dame“ von Sonja Angelika Strube aus Frau und Mutter 10/2020

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.
Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen! […] Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.
Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrückenund ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondernbum zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Mk 10, 35 – 45

Ausgewählt habe ich einige Verse aus dem Markusevangelium (Mk 10, 35 -45), die Kirche und Gesellschaft herausfordern. Auch dem Evangelium selbst scheinen diese Verse besonders wichtig gewesen zu sein, denn gleich zweimal kurz hintereinander wird geschildert, dass Jesus die Zwölf über das Dienen belehrt: „Wer unter euch der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“

Auf den ersten Blick könnte dies wie eine Aufforderung wirken, negativ über sich selbst zu denken, sich zu zerknirschen, klein zu machen und zu demütigen. Welches befreiende Potenzial, gerade für Frauen, sollte von so einem Satz ausgehen? Tatsächlich jedoch birgt dieser Satz sehr viel Sprengkraft: Er de- legitimiert die Macht der Mächtigen und stellt die patriarchale Herrschaftsordnung seiner Zeit infrage.
Die Szenerie, die das Markusevangelium schildert, ist folgende: Mit seinen Jüngern – und Jüngerinnen, wie wir später in Mk 15,40f erfahren – befindet sich Jesus auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem. Diesen Weg nutzt Jesus, um den engsten Kreis einzuweihen in den Sinn seines Leidens, das Geheimnis seiner Auferstehung und das Wesen wahrer Nachfolge. Manche Belehrungen ergehen an alle Jünger und Jüngerinnen, manche nur an einige. Die Belehrungen über das Dienen richten sich ausdrücklich an die Gruppe der zwölf namentlich genannten Männer, die Jesus zu Beginn seines Wirkens in die Nachfolge gerufen hat (Mk 3,13-19). In Jesu Abwesenheit hatten sie unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer unter ihnen der Größte sei. Ihrem Miteinander-Konkurrieren und ihrem Streben nach Dominanz aber erteilt Jesus eine klare Absage. Mehr noch: Ein machtloses Kind stellt er ihnen als Vorbild vor (9,33-37).

Doch nur kurze Zeit später wiederholt sich die Szene geradezu. Nun erbitten Jakobus und Johannes das Vorrecht, in Jesu Herrlichkeit die Ehrenplätze einnehmen zu dürfen (10,35-40). Ein zweites Mal muss Jesus mit fast gleichlautenden Worten ihnen und den übrigen zehn erklären, dass die Maßstäbe Gottes andere sind als die der Mächtigen der Welt (10,41-45). Mit wenigen Pinselstrichen stellen diese Worte ihren antiken Hörerinnen und Hörern die damals geltende hierarchische Gesellschaftsordnung wie eine „Herrschaftspyramide“ vor Augen: Ganz oben stehen die Herrscher, die ihre Macht willkürlich einsetzen können, ohne sich an Recht und Gesetz zu halten, direkt darunter „ihre Großen“, die vor Ort Gewaltherrschaft ausüben. Ganz unten in der Herrschaftspyramide stehen die Diener und Sklaven – noch weiter unten die Dienerinnen und Sklavinnen. Ganz unten standen damals auch die Kinder. Das Kind, das Jesus in die Mitte stellt, ist also nicht Sinnbild für „kindliche Unschuld“, kindliches Vertrauen oder gar Frohsinn und Leichtigkeit, sondern für Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit.

Mit ihm stellt Jesus die Kleinen, Ohnmächtigen und Bedeutungslosen ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Wenn Jesus fordert „bei euch aber soll es nicht so sein“, sagt er damit: Genau diese weltliche Herrschaftspyramide soll unter Jesusnachfolgern und-nachfolgerinnen nicht gelten. Die, die nach Dominanz streben, sollen sich nach ganz unten begeben. Die, die in der Gesellschaft wenig gelten, sollen unter Christen und Christinnen viel gelten. Vorbild dieser Haltung ist Jesus selbst: Er, der bei Gott so angesehen ist, dass ihm „die Engel dienen“ (wie Mk 1,13 erzählt), ist gekommen, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld zu geben. Radikaler kann man eine Herrschaftspyramide nicht auf den Kopf stellen.

Während es die Zwölf (auch als Repräsentanten späterer Gemeindeleiter) offensichtlich nötig haben, überdas Dienen belehrt zu werden, sagt das Evangelium über die Frauen in der Nachfolge Jesu ausdrücklich, dass sie einfach verwirklichen, was Jesus gerade von den Mächtigen und Dominanten verlangt: Sie folgen Jesus nach und dienen ihm (Mk 15,40f).

Die Jüngerinnen, die Jesus bis zum Kreuz begleiten, als sich die Zwölf schon längst feige aus dem Staub gemacht hatten, sind Vorbilder wahrer Nachfolge – ebenso wie schon zu Beginn des Evangeliums die Schwiegermutter des Simon Petrus (Mk 1,31).

Grund genug, danach zu fragen, was es heute für uns Christinnen und Christen zu bedeuten hat: für unser Engagement inmitten einer immer noch und immer wieder machtbesessenen Welt, mit Blick auf gewalttätigen und auf strukturellen Rassismus, auf Flucht und Vertreibung, auf einen rasant fortschreitenden menschengemachten Klimawandel, der gerade die Armen der Welt noch mehr an den Rand drängt. Grund genug auch, danach zu fragen, was es zu bedeuten hat für die Strukturen unserer Kirche.

Wie rassistisch bist du?

Für dich hier der unegkürzte Artikel von Bastian Berbner ais DIE ZEIT / 30 / 2020

Wie rassistisch sind Sie?

Die meisten weißen Menschen sind überzeugt: Hautfarbe spielt für mich keine Rolle. Schön wär’s

Wäre die Welt ausschließlich vom Verstand regiert, hätte der Rassismus spätestens am 26. Juni 2000 sterben müssen. An diesem Tag betrat Bill Clinton den East Room des Weißen Hauses, wo Journalisten und Wissenschaftler auf ihn warteten. Der amerikanische Präsident federte herein, lächelnd, siegesgewiss. Wenn man heute die Videoaufnahme ansieht, denkt man: Er hat den Gegner unterschätzt. Clinton verkündete, es sei gelungen, das menschliche Erbgut zu entschlüsseln. Mehr als tausend Wissenschaftler weltweit hatten daran gearbeitet, maßgeblich finanziert von der amerikanischen Regierung. Diese triumphale Reise ins Innere des menschlichen Genoms, sagte Clinton, werde viele Erkenntnisse bringen. Eine Wahrheit offenbare sie bereits jetzt: »Menschen, egal welcher Rasse, sind zu mehr als 99,9 Prozent gleich.«
Jahrhundertelang hatte der Glaube geherrscht, dass die Herkunft von Menschen nicht nur ihr Äußeres festlegt, ihre Hautfarbe, ihren Haarwuchs, ihren Körperbau, sondern auch ihr Inneres, ihre Intelligenz, ihre Moral, ihre Gefühle. Doch in den Jahrzehnten zuvor hatte die Wissenschaft daran zu zweifeln begonnen. Je mehr Biologen darüber lernten, was Gene sind und wie sie funktionieren, desto klarer wurde ihnen, dass eine neue Theorie nötig war. Sie geht so: 

Alle Menschen auf der Erde stammen von gemeinsamen Vorfahren ab, die in Afrika lebten. Vor etwa 70.000 Jahren zogen einige Homo sapiens Richtung Nordosten, sie sahen einander ähnlich, ihre Haut war schwarz. Sie besiedelten den Nahen Osten, dann Asien und Australien, später Europa und Amerika. So verschieden waren die Orte, an denen die Einwanderer jetzt lebten, dass ihre Körper sich daran anpassten. Wo die Sonne wenig schien, wurde ihre Haut heller, um weiter ausreichend Vitamin D bilden zu können. In der Arktis entwickelten die Inuit ein Enzym, das dabei hilft, Omega-3-Fettsäuren aus Fischen zu verarbeiten. In Südostasien bildeten die Seenomaden vom Volk der Bajau ungewöhnlich große Milzen aus, um bei langen Tauchgängen den Sauerstoffgehalt ihres Blutes konstant zu halten. Im Westen Kenias gab die Evolution den Kalendjin einen Körperbau, mit dem sie sehr schnell sehr lange Strecken zurücklegen können, zum Beispiel die 42,195 Kilometer eines Marathons. In den Anden hatten die Menschen irgendwann eine etwas größere Lunge, um in der Höhe effizienter atmen zu können. Rein äußerlich betrachtet, wirken diese Unterschiede zwischen den Menschen groß. Doch als die Forscher jetzt sämtliche Buchstaben der menschlichen DNA mit ihren drei Milliarden Basenpaaren aneinanderreihten, da war es nicht mehr zu leugnen: In Wahrheit sind die Unterschiede oberflächlich. Rein genetisch betrachtet, ist eine Herde Pinguine vielfältiger als die gesamte Menschheit, und zwei Schwarze können sich stärker voneinander unterscheiden als ein Weißer und ein Schwarzer. Es ist sinnlos, Menschen danach in Gruppen zu sortieren, welche Hautfarbe sie haben. Was Clinton verkündete, war der Beweis: Es gibt keine Menschenrassen. Keine Herren- und keine Untermenschen. Kein höherwertiges und kein minderwertiges Leben. Der Rassismus, die tödlichste Ideologie aller Zeiten, hatte sein Fundament verloren. Im East Room des Weißen Hauses schloss Bill Clinton mit dem Satz: »Mein größter Wunsch ist, dass diese glühende Wahrheit immer unser Handeln leiten wird.«Das ist 20 Jahre her. Es war nicht das Ende des Rassismus. Nicht mal annähernd, wenn man sieht, wer heute Clintons Amt innehat. Wenn man sieht, mit welcher Wucht sich die Proteste nach dem Tod des Amerikaners George Floyd um die Welt ausbreiteten. 

In Sydney, Paris, Mailand, Oslo und Berlin protestierten in den vergangenen Wochen jeweils Zehntausende, in Solidarität mit dem schwarzen Amerika, aber auch getrieben von Wut auf die Lage im jeweils eigenen Land. Überall berichteten Menschen mit neuem Mut von alten Mustern: der französische Teenager, der mit Freunden in Paris unterwegs war, als Polizisten alle Taschen und Handys kontrollierten, nur die von einem nicht – dem einzigen Weißen in der Gruppe. Italienische Frauen, die wegen ihrer dunklen Haut auf der Straße angesprochen werden wie Prostituierte. Die Mitglieder der afrikanischen Community im chinesischen Guangzhou, denen mit einem Schild der Zutritt zu McDonald’s verwehrt wurde: »Schwarze Menschen dürfen das Restaurant nicht betreten.« Der Hamburger, den ein Passant beschimpfte: »Verpiss dich nach Afrika!« So allgegenwärtig ist Rassismus, als seien Clintons Worte damals einfach verpufft. So lebendig ist er, dass viele, die darunter leiden, ihn nicht einfach auf den einen hasserfüllten Polizisten, die eine unsensible Chefin, den einen feindseligen Lehrer zurückführen. Sondern auf eine Struktur, ein System. Da dieser Artikel in einer deutschen Zeitung erscheint, wäre es gut, an dieser Stelle über Deutschland zu schreiben. Nach allem, was in der letzten Zeit geschehen ist, kann kein Zweifel daran bestehen, dass es auch hier ein Rassismus-Problem gibt. Wie groß es ist, lässt sich allerdings schwer sagen. In Deutschland unterscheiden Statistiken nicht nach ethnischer Herkunft oder Hautfarbe, lassen also keine genaue Aussage über die Diskriminierung von, zum Beispiel, schwarzen Deutschen zu. Es ist nicht einmal bekannt, wie viele schwarze Menschen hier leben. Schätzungen gehen von mehr als einer Million aus. Auch für andere westliche Staaten fehlen verlässliche Daten. Ein Land aber dokumentiert den Rassismus in seinem Inneren so genau wie kein anderes.

Die USA, 2020: Schwarze verdienen weniger als Weiße, erzielen beim Verhandeln über den Preis eines Autos schlechtere Resultate, landen eher im Gefängnis, bekommen von Ärzten weniger Schmerzmittel verschrieben und von Immobilienmaklern unattraktivere Objekte gezeigt. All das gilt auch dann, wenn man die größere Armut, das niedrigere Bildungsniveau und die höhere Kriminalitätsrate der schwarzen Bevölkerung aus der Statistik herausrechnet. Das System des Rassismus, es existiert also wirklich. Schwarze werden dafür diskriminiert, dass sie schwarz sind.Das ist die eine Wahrheit. Es gibt noch eine andere. 
In den vergangenen Jahrzehnten, während die Biologie dem Rassismus sein pseudowissenschaftliches Fundament entzog, hat sich die Einstellung der Amerikaner durchaus verändert, und zwar zum Positiven. Sind Sie dafür, dass Schwarze und Weiße einander heiraten dürfen? Können Sie sich vorstellen, einen qualifizierten schwarzen Kandidaten zum Präsidenten zu wählen? Auf solche Umfragen antwortet heute – im Gegensatz zu früher – eine überwältigende Mehrheit der weißen Amerikaner mit Ja. 
Und sie reden nicht nur, sie handeln auch. Sie haben zum Beispiel Barack Obama gewählt. Gesetze gegen Diskriminierung verabschiedet. Schwarze Autoren, die über Rassismus schreiben, mit Literaturpreisen ausgezeichnet, ihre Bücher zu Bestsellern gemacht. Immer mehr Schwarze und Weiße heiraten einander. Es gibt heute in den USA deutlich weniger Weiße, die sich ihren schwarzen Mitbürgern überlegen fühlen, als noch vor einigen Jahrzehnten. Und deutlich mehr Weiße, die es ehrlich gut meinen. Warum aber verschwindet mit den Rassisten nicht auch der Rassismus? Man kann ja nicht beides gleichzeitig sein, Rassist und Nichtrassist.Oder vielleicht doch?

Im Sommer 1994 bekam die Sozialpsychologin Mahzarin Banaji eine E-Mail von einem Kollegen. Banaji war damals eine aufstrebende Wissenschaftlerin an der Universität Yale. Ihr Kollege, Tony Greenwald, mit dem sie seit einer Weile zusammenarbeitete, hatte den ersten Entwurf eines psychologischen Tests entwickelt, den er ihr nun zur Ansicht schickte. Sie setzte sich an ihren Esstisch, auf dem ihr Computer stand, und öffnete die Datei. »Kein Tag hat mein Leben mehr verändert als dieser«, sagt sie heute. Dazu muss man wissen, dass Banaji aus Südindien stammt. Selbstverständlich sei sie damals davon überzeugt gewesen, keine Vorurteile gegen Schwarze zu haben, erzählt sie am Telefon, sie habe ja selbst braune Haut. Und: Sie lehrte an einer Elite-Uni an der Ostküste, sie war umgeben von Freunden und Kollegen, die sich für genauso aufgeklärt hielten wie sie selbst. Auf dem Bildschirm sah Banaji eine Folge von Wörtern und Vornamen. Die Wörter waren klar positiv (Liebe, ehrlich) oder negativ (Gift, hässlich), die Namen klar »weiß« (Paul, Nancy) oder »schwarz« (Tyrone, Latisha).Banaji legte den linken Zeigefinger auf die e-Taste ihrer Tastatur, den rechten Zeigefinger auf die i-Taste. Phase 1: Bei jedem positiven Wort sollte sie links drücken. Bei jedem weißen Namen ebenfalls. Bei jedem negativen Wort rechts, bei jedem schwarzen Namen ebenfalls. Es war sehr einfach, sie musste nicht nachdenken. Ihre Finger drückten fast von selbst, sie war schnell und machte kaum Fehler, das merkte sie.Phase 2: Bei jedem positiven Wort sollte sie weiterhin links drücken – jetzt aber auch bei jedem schwarzen Namen. Bei jedem negativen Wort weiterhin rechts – jetzt aber auch bei jedem weißen Namen. Sie spürte es sofort, sagt sie. Sie war langsamer. Musste plötzlich überlegen, ganz kurz nur, aber merklich. Ihre Hände wurden feucht. Ihr Herz schlug schneller. Sie machte Fehler. Ertappt habe sie sich gefühlt.

Es gab keine wirkliche Auswertung, es war ja noch ein Prototyp, aber Mahzarin Banaji wusste, dass es ihr leichtergefallen war, wenn weiße Namen mit positiven Wörtern kombiniert waren und schwarze mit negativen. Irgendwie passte das besser.Paul und Liebe. Nancy und ehrlich.Tyrone und Gift. Latisha und hässlich.Sie rief ihren Mann an den Esstisch. Ihm ging es genauso. »Er sagte: Diesen Test musst du verstecken – der ist gefährlich.« Banaji und ihr Kollege Greenwald machten das Gegenteil. Im September 1998 stellten sie ihn ins Internet, frei zugänglich für alle.Mit ein bisschen Glück, sagte Banaji zu Greenwald, könnten sie im ersten Jahr 500 Teilnehmer finden, die ihnen Daten für ihre Forschung liefern würden. Es waren dann 45.000 im ersten Monat. Der Uni-Server brach zusammen. Oprah Winfrey berichtete in ihrer Talkshow, der wichtigsten des Landes.Heute ist Mahzarin Banaji Professorin an der Universität Harvard. Aus dem Prototyp ist eine Reihe von Implicit Association Tests (IAT) geworden, jeder kann sie auf der Harvard-Website machen. Einer testet Vorurteile über Geschlechter, einer über Alte, ein anderer über Ostdeutsche; viele Tests gibt es auch auf Deutsch. Am häufigsten aber wird der race test gemacht. Er ist fast unverändert geblieben, seit Banaji ihn damals ausprobiert hat. Statt schwarzer und weißer Namen werden heute lediglich Gesichter gezeigt, das ist eindeutiger. Und jeder Teilnehmer muss explizit die Frage beantworten, ob er Vorurteile gegenüber Schwarzen habe. 

Allein mehr als drei Millionen Amerikaner haben den Test mittlerweile gemacht. 73 Prozent der weißen Teilnehmer zeigten unbewusste negative Vorurteile gegen Schwarze. Die meisten von ihnen hatten vorher angegeben, der Hautfarbe von Menschen keine Bedeutung beizumessen. Dennoch brauchten sie etwa 200 Millisekunden länger, um richtig zu antworten, wenn schwarze Gesichter mit positiven Begriffen gepaart waren, als wenn dieselben Gesichter mit negativen Begriffen gepaart waren.»Das klingt nach wenig«, sagt Banaji, »ist aber wahnsinnig viel.«Für die ZEIT haben Mahzarin Banajis Mitarbeiter die Daten der mehr als 50.000 deutschen IAT-Teilnehmer ausgewertet. Das Ergebnis: Wie in den USA sagen die allermeisten Weißen, sie hätten keine Vorurteile gegen Schwarze. 80 Prozent haben sie aber doch. 73 Prozent der weißen Amerikaner. 80 Prozent der weißen Deutschen. Das sind nicht Menschen, die sich in den USA mit Waffengewalt gegen die Bedrohung der weißen Rasse zur Wehr setzen. Es sind nicht Menschen, die in Deutschland gegen den Volkstod durch massenhafte Einwanderung auf die Straße gehen. Es sind nicht diese typischen Trump-Höcke-Wähler. Es sind Menschen wie Mahzarin Banaji, die liberale Harvard-Professorin, Einwanderin und Unterstützerin von Black Lives Matter. Menschen, die in Deutschland vielleicht Petitionen für offene Grenzen unterschreiben und grün wählen. Trotzdem verbinden sie Schwarze mit böse, Hass, Schmutz.
Es scheint tatsächlich Leute zu geben, die beides sind – rassistisch und nichtrassistisch. Sehr viele sogar. Jonathan Haidt würde sagen: Sie werden von ihrem Elefanten beherrscht. 

Haidt ist ein anderer Sozialpsychologe aus den USA, und auf den Elefanten kam er, als er darüber nachdachte, welches Tier besonders groß und stark ist. Haidt wollte ein einprägsames Bild schaffen für die Beziehung zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten, dem Fühlen und dem Denken. Der Mensch sieht sich gern als rationales Wesen. Das ist er auch, zum Teil. Aber je mehr Psychologen zu diesem Thema forschen, desto klarer wird: Das, was wir Bauchgefühl nennen, obwohl es mit dem Bauch nichts zu tun hat, ist mindestens ebenso wichtig. Laut Haidt sogar wichtiger. 
Der Elefant ist das unbewusste Fühlen. Auf ihm sitzt ein Reiter, das ist das bewusste Denken. Der Reiter kann durchaus etwas ausrichten gegen das mächtige Tier, kann es mal bremsen und ihm mal eine bestimmte Richtung vorgeben. Aber meist setzt sich, Haidt zufolge, der Elefant durch. Dass das so ist, liegt daran, wie das menschliche Hirn auf Gefahren reagiert. Am Anfang ist da meist ein Sinneseindruck, man sieht oder hört etwas – eine längliche Form am Boden, ein Knacken im Unterholz. Auge oder Ohr leiten den Impuls sofort weiter an den Thalamus, eine Art Verteilerkasten des Gehirns, der schickt ihn in den Kortex, wo das Denken stattfindet. Nur ein seltsam gebogener Stock, nur das Knacken eines Vogels? Nein, eine Schlange. Der Kortex schickt das Ergebnis zum Gefühlszentrum, der Amygdala, die dem Körper den Befehl zur Flucht gibt.Es existiert aber noch ein anderer Weg, den der Impuls im Gehirn zurücklegt. Er gelangt jedes Mal auch direkt vom Thalamus in die Amygdala, er nimmt eine Abkürzung, vorbei am Kortex. Auf diesem Weg kann der Sinneseindruck zwar nicht durchdacht werden. Aber wie jede gute Abkürzung hat auch diese einen Vorteil: Sie spart Zeit. Den Bruchteil einer Sekunde, der bei einer Begegnung mit einer Schlange den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten kann. Der lange Weg, das ist der Reiter. Die Abkürzung, das ist der Elefant.
Der Elefant schafft es, dass wir schon beim ersten Ton eines Songs ein Glücksgefühl empfinden, obwohl der Reiter noch gar nicht verstanden hat, dass da unser Lieblingslied läuft. Der Elefant lässt uns vor der Schlange zurückschrecken, während der Reiter noch die gewundene Form dessen analysiert, was da auf dem Boden liegt. Der Elefant hat es nicht so mit dem Differenzieren. Für ihn gibt es nur harmlos oder gefährlich – und im Zweifel geht er auf Nummer sicher. Lieber einmal mehr einen Stock für eine Schlange halten als einmal falschliegen. Das Urteil fällt blitzschnell. Aber nicht willkürlich. In jedem Moment speichert unser Gehirn, ohne dass wir es merken, die Erfahrung ab, die wir gerade machen. Das Buch, das wir lesen. Den Duft, den wir riechen. Den Menschen, mit dem wir reden. Einfach alles, und es kennt dabei keine Langeweile. Sehen wir in einer TV-Dokumentation zehnmal hintereinander eine Giftschlange, speichert das Hirn zehnmal ab: Schlange gleich gefährlich. Hören wir hundertmal unseren Lieblingssong, speichert es hundertmal ab: Dieser Song gleich Freude. Je größer die Menge der immergleichen Erfahrungen, desto klarer später das Urteil des Elefanten.Schwarz gleich Schmutz, hässlich, Gift, Mord, Bombe, Erbrechen, Krieg, schrecklich, Tod.Weiß gleich Liebe, Freund, ehrlich, Paradies, Himmel, zärtlich, streicheln.
Egal ob in den USA, in Deutschland oder in anderen westlichen Gesellschaften – warum sind in den Zigmillionen Daten des Implicit Association Test diese Verbindungen immer so stabil?

Robin DiAngelo ist Anti-Rassismus-Trainerin in den USA. Sie geht unter anderem in Unternehmen und versucht dort, die Sinne der Mitarbeiter für diskriminierendes Verhalten zu schärfen. In ihrem Buch White Fragility erklärt sie, dass sie oft mit persönlichen Fragen beginne, wenn sie mit weißen Menschen arbeite – Menschen wie mir. Wie sah dein Umfeld als Kind aus?In dem süddeutschen Dorf, in dem ich aufwuchs, gab es nur weiße Menschen (abgesehen von Amir, einem afghanischen Jungen, der mit seiner Familie hergezogen war, eine Zeit lang auf dem Bolzplatz alle ausdribbelte, aber dann schnell wieder weg war).Wann hattest du zum ersten Mal einen Lehrer, der dieselbe Hautfarbe hatte wie du?An meinem ersten Schultag.Wann hattest du zum ersten Mal einen Lehrer, der nicht dieselbe Hautfarbe hatte wie du?

Da muss ich erst mal nachdenken, aber die Wahrheit ist, ich habe die Grundschule, das Gymnasium, zwei Universitäten, eine in Deutschland, eine in Frankreich, und eine Journalistenschule besucht und hatte in den zwei Jahrzehnten, die meine Ausbildung dauerte, keinen einzigen nichtweißen Lehrer oder Dozenten. 

Wann hast du zum ersten Mal einen Film gesehen, in dem der Hauptdarsteller dieselbe Hautfarbe hatte wie du?Ich war zu jung, um mich heute daran zu erinnern. Vermutlich war es der erste, den ich je gesehen habe.Freunde, Liebe, Partys – alles, was Spaß machte, als ich aufwuchs, war weiß. Weil das ganze Leben weiß war. Nicht dass ich das bewusst wahrgenommen oder sogar darüber nachgedacht hätte, es war ja normal. Aber mein Erfahrungsspeicher wuchs trotzdem jedes Mal, wenn ich einen Freund traf, um ein paar Einträge. Einer davon: Freund gleich weiß.Wenn man rauszoomt, wenn man also statt des kleinen Dorfs das große Land in den Blick nimmt, dann sieht man eigentlich nichts anderes. Wer ist in Deutschland erfolgreich? Wem wird nachgeeifert? Und, vielleicht am wichtigsten, wer hat das Sagen?Die Bundeskanzlerin: weiß (wie alle ihre Vorgänger).Die Bundesminister: alle weiß.Die Ministerpräsidenten: alle weiß.Der Bundestag: 98 Prozent weiß.Die Dax-Vorstandsvorsitzenden: alle weiß.Die wichtigsten Talkmaster: alle weiß. Die Trainer in der Ersten Bundesliga: alle weiß.Die Tatort-Kommissare: 94 Prozent weiß.Germany’s next Topmodels: 74 Prozent weiß. Die zehn reichsten Deutschen: alle weiß.Die Eiskönigin: weiß.

So dominant sind die unbewussten rassistischen Botschaften in westlichen Gesellschaften, dass selbst deren schwarze Mitglieder sie verinnerlichen

Jesus, Maria, Gott: Sogar sie sind in Deutschland weiß, obwohl das bei Jesus und Maria historisch zweifelhaft ist – und bei Gott würden mir auch ein paar Fragen einfallen.Kein Wunder, dass unser Elefant irritiert ist, wenn beim Implicit Association Test positive Wörter mit schwarzen Menschen gepaart sind. Er kennt das nicht. Er findet im Erfahrungsspeicher keine Einträge dazu. Es kommt noch schlimmer: Schwarze Menschen sind nicht nur nicht mit gut verknüpft, sondern mit schlecht.Der schwarze Mann. Schwarzfahren. Schwarzsehen. Schwarzmalen. Schwarzarbeiten. Schwarzes Schaf. Schwarzer Peter. Engel sind, na klar, weiß. Der Teufel ist schwarz. Im Himmel ist Licht, in der Hölle herrscht Dunkelheit.Als ich groß wurde, sah ich zwar auf der Straße keine schwarzen Menschen, dafür aber im Fernsehen. Die Sendungen handelten meist von Flucht, Krieg und Terror.Einer britischen Kollegin von mir, Reni Eddo-Lodge, ging es zur selben Zeit ähnlich. Anfang der Neunzigerjahre waren auch im englischen Fernsehen die Guten weiß und die Bösen schwarz. Im Alter von vier Jahren, so berichtet sie es in ihrem Buch Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche, fragte sie ihre Mutter deshalb, wann sie sich denn endlich in eine Weiße verwandeln werde – sie hielt sich nämlich für einen guten Menschen. So dominant sind die unbewussten rassistischen Botschaften in westlichen Gesellschaften, dass selbst deren schwarze Mitglieder sie verinnerlichen. Fast die Hälfte von ihnen zeigt beim IAT Vorurteile gegen Schwarze. Also gewissermaßen gegen sich selbst. 

Ich kann verstehen, wenn jetzt jemand sagt: Millisekunden, unbewusste Vorurteile, Elefanten – erklärt dieser ganze Psychokram wirklich die Realität in einer modernen Gesellschaft? Dafür müsste all dies doch unser Verhalten beeinflussen. Und wenn man davon ausgeht, dass es heutzutage in den meisten Situationen am Ende eben doch auf Vernunft und rationale Kontrolle ankommt, dass also ein gut ausgebildeter Reiter seinen Elefanten bald wieder in den Griff kriegt: Wie viel Schaden kann der Elefant in 200 Millisekunden schon anrichten? 
In einem mittlerweile berühmten psychologischen Experiment bekamen die Probanden abwechselnd Bilder von Menschen und Gegenständen gezeigt. Die Menschen waren schwarz oder weiß. Die Gegenstände waren Werkzeuge, zum Beispiel eine Zange oder ein Schraubenschlüssel – oder Pistolen. Sobald die Probanden einen Gegenstand sahen, mussten sie innerhalb einer halben Sekunde einen von zwei Knöpfen drücken, Werkzeug oder Pistole. Alle machten Fehler, aber die Teilnehmer hielten, nachdem sie ein schwarzes Gesicht gesehen hatten, das Werkzeug signifikant häufiger für eine Pistole. Stephon Clark stand, 22 Jahre alt, im Garten seiner Großmutter in Sacramento, als er von Polizisten erschossen wurde. Er hielt ein Telefon in der Hand. Die Beamten sagten, sie hätten gedacht, es sei eine Waffe. Clark war schwarz.Tamir Rice spielte, 12 Jahre alt, in einem Park in Cleveland mit einer Plastikpistole. Ein Polizist erschoss ihn innerhalb von zwei Sekunden nach seinem Eintreffen. Er hatte sie für echt gehalten. Tamir war schwarz.Amadou Diallo wurde, 23 Jahre alt, in New York von Polizisten kontrolliert. Er holte sein Portemonnaie aus der Jackentasche. Die Polizisten erschossen ihn. Später sagten sie, sie hätten es für eine Waffe gehalten. Diallo war schwarz. 

Habe ich unbewusste Vorurteile gegen Schwarze, werde ich weniger lächeln, wenn ich einen von ihnen treffe

Wie die Probanden im Experiment entschieden die Polizisten extrem schnell. Gut möglich, dass sie keine bewussten Vorurteile gegenüber Schwarzen hatten, vielleicht waren einige von ihnen überzeugte Antirassisten, einer der Beamten war sogar selbst schwarz. Nur spielte das im entscheidenden Moment keine Rolle. Der Elefant war zu schnell. Es geht nicht immer gleich um Leben oder Tod. Es fängt scheinbar ganz harmlos an. Habe ich unbewusste Vorurteile gegen Schwarze, werde ich weniger lächeln, wenn ich einen von ihnen treffe. Ich werde seltener Augenkontakt suchen, häufiger blinzeln, verhaltener über seine Witze lachen und mit höherer Wahrscheinlichkeit meine Arme vor der Brust verschränken, statt eine Körperhaltung einzunehmen, die Offenheit signalisiert. In Situationen, in denen der erste Eindruck zählt, kann all das einen riesigen Unterschied bedeuten. Die Harvard-Professorin Mahzarin Banaji sagt, ein Arzt, der einem Patienten seltener in die Augen schaut, werde unter Umständen weniger Mitgefühl mit ihm empfinden. Ein Richter könne noch so genau die Akten studieren, er werde vermutlich solchen Aussagen mehr Aufmerksamkeit schenken, die seinen unbewussten Vorurteilen entsprechen, und sein Urteil danach ausrichten.Natürlich lässt sich nicht jeder Arzt, jeder Richter oder jeder weiße Chef, der einen schwarzen Bewerber zum Kennenlerngespräch trifft, von seinem Elefanten beherrschen. Aber oft genug geschieht es eben doch. 

So viele Menschen haben in den USA mittlerweile den Implicit Association Test gemacht, dass Forscher die Ergebnisse auf einzelne Landkreise und Stadtbezirke herunterrechnen können. Dort, wo die unbewussten Vorurteile besonders virulent sind, treten nicht nur mehr Fälle tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze auf. Dort geht auch der soziale Aufstieg schwarzer Bürger langsamer voran, werden im Vergleich zu weißen besonders viele schwarze Frühchen geboren und besonders viele schwarze Kinder von der Schule verwiesen.Millionen Ärztinnen, Immobilienmakler, Autohändlerinnen, Chefs, Polizisten, Staatsanwältinnen und Richter. Sie alle treffen jeden Tag Entscheidungen, die das System des Rassismus aufrechterhalten. Heißt das, sie alle sind Rassisten? Mahzarin Banaji sagt: Nein. Sie wüssten ja nichts von ihren Vorurteilen, sie hätten sich nicht bewusst entschieden, Rassisten zu sein.Viele Anti-Rassismus-Aktivisten sehen es anders. Die deutsche Autorin Tupoka Ogette zum Beispiel schreibt: »Wenn ich Dir mit einem Auto über den Fuß rolle und diesen dabei breche, verändert sich der Grad Deiner Fußverletzung dann gemessen daran, ob ich es bewusst oder unbewusst gemacht habe?« Die Absicht ist egal, soll das heißen, es geht ums Ergebnis. Folgt man diesem Argument, dann gibt es, grob gesagt, drei Arten von Rassisten. 

Die Unbelehrbaren. Das sind die Menschen, die offen hassen, hetzen, töten. Neonazis zum Beispiel. Und wann hat eigentlich ein Polizist zuletzt sein Knie knapp neun Minuten lang in den Nacken eines Weißen gepresst, während dieser mehr als 20 Mal sagte, er könne nicht atmen?Die Verheimlicher. Also die Menschen, die ihren Glauben an die Überlegenheit der Weißen hinter einer Fassade der Harmlosigkeit verstecken. Schließlich die Wohlmeinenden. Dazu gehören Mahzarin Banaji und die allermeisten anderen. Ich habe mich gefragt, ob es wirklich sinnvoll ist, solche Menschen als Rassisten zu bezeichnen. Ob der Begriff dadurch nicht jegliche Trennschärfe verliert. Inzwischen denke ich: Er gewinnt an Trennschärfe, indem er jene ins Licht rückt, die Teil des Problems sind, ohne es zu ahnen. Jene in der Mitte der Gesellschaft, die sich, wenn sie in Deutschland leben, gegen Neonazis und die Facebook-Hetzer von der AfD aussprechen und finden, damit hätten sie genug getan. Natürlich ist es wichtig, Rechtsradikale zu bekämpfen, sehr sogar, aber es reicht nicht. Eine gesellschaftliche Mitte, die den Rassismus besiegen will, darf nicht nur auf die Ränder zeigen. Sie muss sich selbst hinterfragen. Bill Clinton versuchte es damals mit rationalen Argumenten, DNA, Basenpaare, 99,9 Prozent. Er richtete sich an die Reiter seiner Zuhörer. Nur waren die gar nicht das Problem, die meisten hatten es längst verstanden. Das Problem war, dass sie ihre Elefanten nicht in den Griff bekamen. 

Mahzarin Banaji hatte mal einen Studenten, der jeden Tag den IAT machte, um sich zu verbessern. Die Resultate blieben gleich. Bis der Student eines Tages deutlich besser abschnitt. Am Vormittag hatte er die Leichtathletik-Wettbewerbe der Olympischen Spiele angeschaut. Ein paar Stunden lang hatte er Bilder gesehen von schwarzen Menschen, die gewannen. Von weißen Menschen, die verloren. Das reichte. Eine Studentin von Banaji hatte einige Jahre später eine Idee. Bevor sie Probanden den Test machen ließ, zeigte sie einigen von ihnen Fotos von schwarzen Helden, Martin Luther King, Michael Jordan, Eddie Murphy, und Fotos von weißen Antihelden, zum Beispiel von Serienkillern wie Ted Bundy und Charles Manson. Die Menschen, die die Fotos gesehen hatten, zeigten daraufhin messbar weniger Vorurteile gegen Schwarze. Nach einer Woche war der Effekt allerdings wieder verschwunden, sagt Banaji. In der Zwischenzeit hatte der amerikanische Alltag das Gelernte begraben unter Weiß ist gut- und Schwarz ist schlecht-Erfahrungen.

Die Offenheit gegenüber Menschen, die anders aussehen als man selbst: Man kann sie trainieren wie einen Muskel

Hätte ich selbst den IAT als Teenager absolviert, wäre das Ergebnis nicht sehr schmeichelhaft für mich gewesen, da bin ich sicher. Als ich ihn dann aber 2018 zum ersten Mal machte, bekam ich das Ergebnis: Keine Vorurteile, weder gegen Schwarze noch gegen Weiße. Ich war ein bisschen stolz, aber auch überrascht. Inzwischen lebe ich zwar nicht mehr im Dorf, sondern in einem sehr diversen Viertel Hamburgs, doch meine Familie, meine besten Freunde, meine engsten Kollegen sind alle weiß. Ich hatte auch keine Leichtathletik geschaut, bevor ich mich an den Computer setzte und die IAT-Website öffnete. Aber dann fiel mir ein, dass ich in den Monaten zuvor für Recherchen häufig in Afrika gewesen war. Wochenlang hatte ich dort ausschließlich mit schwarzen Menschen zu tun gehabt, mit erfolgreichen, netten, schlauen. Vielleicht hat das mein Ergebnis beeinflusst.Ja, es ist schrecklich, dass die Art von Diskriminierung, um die es in diesem Artikel geht, so weitverbreitet ist. Die gute Nachricht lautet, man kann etwas dagegen tun. Ich habe Rassismus immer für eine Entweder-oder-Sache gehalten: Entweder bist du ein unverbesserlicher Rassist, oder du bist es nicht. Im Fall der Unbelehrbaren und der Verheimlicher stimmt das auch. Alle anderen können ihre Offenheit gegenüber Menschen, die anders aussehen als sie selbst, aufbauen wie einen Muskel.

Eine große Trainingshilfe wäre es, wenn endlich mehr nichtweiße Menschen in öffentlich sichtbare Positionen aufrücken würden. In Talkshows erklären schwarze Politikerinnen ihre Pläne für den Ausbau der digitalen Infrastruktur. In Kitas geben schwarze Polizisten Verkehrsunterricht. Schwarze Geschichtslehrerinnen erzählen Schülern vom Fall der Berliner Mauer, schwarze Wissenschaftler sitzen auf Podien und erläutern die Fortschritte im Kampf gegen den Krebs, schwarze Firmenchefinnen verkünden Bilanzzahlen. Der Anfang ist ja schon gemacht.Die Trainer in der Ersten Bundesliga sind zwar alle weiß. Aber in der Zweiten Bundesliga, beim Hamburger SV, ist Daniel Thioune der Coach.Die Parlamente sind sehr weiß. Aber im schleswig-holsteinischen Landtag ist Aminata Touré Vizepräsidentin.Im Tatort ermitteln fast nur weiße Kommissare. In Göttingen aber eben auch Anaïs Schmitz, gespielt von Florence Kasumba.Germany’s aktuelles Topmodel ist weiß. Aber in der Vergangenheit gewannen auch: Sara Nuru, Alisar Ailabouni, Toni Dreher-Adenuga, Lovelyn Enebechi.

Wo sich Deutschland befindet auf dem Kontinuum zwischen Reicht-doch-schon und Längst-noch-nicht-genug, mag jeder für sich selbst beantworten. Eines aber lässt sich nicht bestreiten. Jedes Mal, wenn Anaïs Schmitz einen Mörder fasst, jedes Mal, wenn der HSV trifft und die Kamera auf den jubelnden Trainer schwenkt, jedes Mal, wenn Aminata Touré eine Rede im Plenum hält, jedes Mal, wenn Sara Nuru, Alisar Ailabouni, Toni Dreher-Adenuga und Lovelyn Enebechi von der Titelseite irgendeiner Illustrierten lächeln, werden überall in Deutschland Gehirne unbewusst Verbindungen abspeichern: Schwarz gleich smart. Schwarz gleich erfolgreich.Schwarz gleich schön. Schwarz gleich deutsch. 

Test
Auf der Website der Universität Harvard kann jeder – auch auf Deutsch – seine eigenen unbewussten rassistischen Vorurteile überprüfen: 
implicit.harvard.edu

Hexenhammer

Claude Frollo, der erste Priester in Notre-Dame, verweist in unserem Stück auf den „Malleus Maleficarum“ – den „Hexenhammer“. Esmerlada wird im Verlauf des Stücks als Hexe verurteilt. Hexenverfolgung folgt der Systhematik von Verschwörungsgläubigen. Folgender spanneder Artikel aus der ZEITGeschichte 03/2020 gibt ein wenig Inside zu dem Thema Hexenverfolgung. Dabei ist so manche Parallele in unsere heutige Zeit insbesondere bei populistischen Äußerungen mehr als erschreckend.

Unholde trafen sich um Mitternacht auf einer abgelegenen Waldlichtung. In fliegender Eile kamen sie durch die Lüfte geritten, auf mit Salbe beschmierten Besen und Mistgabeln, auf Böcken und anderem Getier. Einige mutierten zu Bestien, andere waren ganz nackt. Gastgeber der höl­lischen Party war der Teufel. Er zeigte sich mal als stinkender Bock, mal war er halb Mensch, halb Tier, von Gold überzogen und flammenglühend, auf feu­rigem Stuhl. An seiner Seite thronte eine mit fal­schem Schmuck herausgeputzte Hexe.

Man ehrte den Teufel, indem man ihm den Hin­tern küsste. Schaurige Speisen standen zum Festmahl bereit: Kessel voller Kröten, Schlangen, verwesender Leichen Hingerichteter und Herzen ungeraufter Kinder. Einander den Rücken zugewandt, tanzten die Weiber zu unverständlichem, ohrenzerfetzendem Gesang. Man pflegte ungehemmten Sex unter aller Augen und feierte, Gott zum Hohn, eine Messe mit schwarzen, übel riechenden Hostien.

Diese Beschreibung eines Hexensabbats stammt aus der Abhandlung über die Unbeständigkeit der bösen Engel und Dämonen, die Pierre de Lancre, Mit­glied des obersten Gerichtshofes von Bordeaux, 1612 veröffentlichte. Den Stoff dazu hatte er während ei­ner Hexenjagd im Labourd, dem französischen Teil des Baskenlandes, gesammelt. 1609 war er von Kö­nig Heinrich IV. damit beauftragt worden, hier mir dem Übel der Hexerei aufzuräumen. Drei Priester, denen Bündnisse mit dem Teufel unterstellt wurden, und acht »Hexen« mussten den Scheiterhaufen be­steigen. Der im benachbarten spanischen Basken­land tätige Inquisitor Alonso Salazar y Frias, ein ent­schiedener Gegner des Hexenglaubens, berichtet sogar von 80 Hinrichtungen.

Der furchtbare Jurist Dr. de Lancre glaubte un­zweifelhaft an die Wirklichkeit dessen, was seine Opfer aussagten. Für ihn wie für fast alle seine Zeit­genossen waren Zauberer, Hexen und Teufel real existierende Wesen, die man keineswegs selten traf. Ein schwäbischer Chronist berechnete 1589 die Zahl der Teilnehmer eines Hexensabbats auf 29.400. Ein protestantischer Theologe kam auf eine wahrhaft gigantische Zahl von Teufeln: 2.665.866.746.664, mehr als zweieinhalb Billionen. Hätte es diese sata­nische Armee wirklich gegeben, es wäre die größte und gefährlichste Verschwörung aller Zeiten gewesen.

Man glaubte tatsächlich, die Hexen bildeten eine »Sekte«. Hexenprozesse hatten ihre Muster in hoch­mittelalterlichen Häresieverfahren. Ketzer waren aus Sicht der Kirche ja ebenfalls vom Teufel verführte Götzenanbeter, und man unterstellte ihnen ähnliche Delikte wie angeblichen Hexen und Hexern.

Europa führte einen erbitterten Kampf gegen das imaginäre Böse. Man warf den Angeklagten vor hätten mit dem Teufel einen Pakt geschlossen, der dann mit »Buhlschaft« besiegelt worden sei. Der Teufel sollte sich seinen Opfern in mannigfacher Ge­stalt nähern. Frauen verführe er bei Gelegenheit als charmanter Galan. Die Liebeslust werde durch den Umstand beeinträchtigt, dass Satans Glied eiskalt sei oder sich anfühle wie ein Stück Holz. Ein weiteres Delikt, das man den Hexen und Hexern neben der Teilnahme am Hexensabbat zuschrieb, war der Scha­denzauber gegen Mensch und Tier. Als ihr schlimms­tes Verbrechen jedoch galt die Absage an Gott und die Schändung seiner »Ehre«. Darin lag ein theologi­sches Motiv für die Gnadenlosigkeit, mit der gegen sie vorgegangen wurde. Der Zunder der Scheiterhau­fen war aus der Prophezeiung der Offenbarung des Johannes gemacht, Zauberer und Götzendiener würden ihr Ende in einem See von brennendem Schwefel finden.

Ihren Höhepunkt erreichten die Verfolgungen nach Anfängen im spätmittelalterlichen Alpenraum zwischen 1560 und 1660. Einige Prozesse forderten Hunderte oder gar Tausende Opfer, etwa in Loth­ringen, in den Territorien der Bischöfe von Köln, Mainz und Würzburg oder im Gebiet Berns. Fatal wirkte sich dabei das Fantasiegebilde des Hexensab­bats aus. Hatte die Justiz eine angebliche Hexe oder einen vermeintlichen Zauberer in ihren Fängen, wurden diese dazu aufgefordert, weitere Gäste der nächtlichen Gelage zu nennen. Gegen Halsstarrige half Folter: Wem der Streckgalgen die Gelenke aus­kugelt oder die Daumenschraube das Blut unter den Nägeln hervorquetscht, nennt alle Namen, die ihm einfallen. So wurden immer mehr Verdächtige vor den Richter gezogen. Man zwang sie, weitere Mit­glieder der Hexensekte zu »besagen«, die dann ihrer­seits den Folterknechten überantwortet wurden.

Duldete eine Obrigkeit Feinde Gottes, machte sie sich nach verbreiteter Meinung selbst schuldig und zog Gottes Zorn auf den Staat. Dieselbe Logik hielt dazu an, Ketzer wie Geschwüre auszubrennen aus dem reinen Leib der Christenheit. Und sie befeuerte die Religionskriege, die zur selben Zeit tobten, als die Hexenpaniken eskalierten. Die konfessionelle Kon­kurrenz nährte den Glaubenseifer und damit den Willen, die Feinde Gottes auszurotten. »Deutschland, so vieler Hexen Mutter!«, entfuhr es einem Zeitge­nossen der Prozesswelle zwischen 1626 und 1630, die einen Gipfel der Verfolgungen markiert. Endzeit­stimmung machte sich breit; an apokalyptischen Plagen herrschte ja kein Mangel. Immer wieder galloppierten die Reiter der Offenbarung – Teuerung, Hunger, Seuchen, Tod – durchs Land. Steuern fraßen vom Geld, das kaum mehr fürs Brot reichte. Der frühmoderne Staat brauchte jeden Heller, um Söld­ner und Bürokraten zu entlohnen, Schlösser zu bau­en, Feste zu feiern.

Ein weiterer Faktor war das Wetter. Seit etwa 1560 begannen die Durchschnittstemperaturen in Europa zu sinken. Harte Winter und verregnete, kalte Sommer häuften sich. Es war, wie man heute weiß, eine kritische Phase der sogenannten Kleinen Eiszeit, die schon die Agrardepression des 14. Jahr­hunderts bedingt und die Pestzüge um 1347/48 be­günstigt hatte. Die Fähigkeit, Wetter machen zu können, Hagelstürme etwa, traute man den Unhol­den von jeher zu. Weil man Hexen die Schuld am Misswachs auf den Feldern gegeben habe, »erhob sich das ganze Land zu ihrer Ausrottung«, vermerkte eine Trierer Chronik des späten 16. Jahrhunderts.

Tatsächlich kam die Initiative, gegen Hexen vor­zugehen, häufig »von unten«, aus Bauerngemeinden oder dem einfachen Stadtvolk. Am Anfang des Ver­fahrens stand oft ein kleineres oder größeres Unglück: Eine Kuh gab keine Milch, der Ehemann litt unter Impotenz, ein Kind starb. Als Täterin oder Täter wurden häufig Personen ausgemacht, die schon jah­relang im Verdacht gestanden hatten, mit dem Teufel im Bund zu sein. »Weise Frauen« und Heiler, die sich auf magische Riten verstanden, waren besonders gefährdet. Nicht wenige Angeklagte scheinen dem Bild der »Märchenhexe« entsprochen zu haben: Sie hatten physische Besonderheiten – Buckel, rotes Haar, Warze -, lebten allein und wurden in Beglei­tung einer schwarzen Katze gesehen. Irgendwann erstatteten Geschädigte Anzeige. Zeugen wurden aufgeboten, Indizien gesammelt. Das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Schuld tragen zu müssen war das klassische Los der Hexen und Hexer, genauer: der monströsen Fi­guren, die sich die Fantasie tief in der menschlichen Psyche formte. Jede Gesellschaft braucht ihre Sün­denböcke. Waren es während der Pest von 1347/48  »die Juden« als angebliche Brunnenvergifter gewesen, übernahmen nun Hexen deren Part. Wolfgang Behringer, ein führender Hexenforscher, erinnert daran, dass sie zu allen Zeiten und rund um den Globus erschaffen wurden. Babylon und das antike Griechenland hegten ebenso Hexereivorstellungen wie die Navaho Amerikas, australische Aborigines oder die Inuit der Arktis. Noch in jüngster Vergangenheit wird aus Afrika vom Glauben an Hexer und Hexen und Lynchmorden an ihnen berichtet. Auch in den Köpfen mancher Europäerinnen und Europäer spuken sie bis heute.

Die Funktion der imaginären Monster gleicht den Segnungen von Psychopharmaka: Ihr eingebildetes Wirken erklärt, was sonst unerklärbar wäre, und nimmt dem blinden Zufall seine Macht. Brach sich ein zentralafrikanischer Azande ein Bein, hatte er nicht einfach Pech oder war unvorsichtig. Vielmehr fühlte er sich als Opfer von mangii, Hexerei. Vor allem aber erlaubte es die Konstruktion, zu handeln und nicht mehr nur zu beten: Gegen die Pest oder das Wetter ließ sich nichts ausrichten, gegen Hexen schon.

In einem Punkt jedoch unterscheidet sich der europäische Hexenwahn von vergleichbaren Phänomenen aller anderen Kulturen: Er wurde zu Schrift und Papier, und er mündete in staatlich organisiert Prozesse, die von mächtigen juristischen und theologischen Fundamenten getragen wurden. Ein reiche theoretische Literatur nährte die Vorstellung einer Verschwörung durch eine universal vernetzt Sekte. Abertausende Verhöre, die in Europas Archiven erhalten sind, spiegeln »Erkenntnisse« der Dämonologen. Die Fragenkataloge der Verfolge arbeiteten ab, was sich in den Büchern nachlese ließ: ob die Angeklagte mit dem bösen Feind geschlafen habe? Ob sie beim nächtlichen Tanz dabei gewesen sei? Ob sie auf dem Friedhof Kindsleiche ausgegraben habe? Ob sie …?

Das erfolgreichste Elaborat des Genres war der 1487 publizierte Hexenhammer, ein erster Sündenfall des neuen Mediums Buchdruck. Sein Autor, der Dominikaner Heinrich Kramer, latinisiert »Institoris«, hatte drei Jahre zuvor bei Papst Innozenz VIII. eine Bulle erwirkt, die ihn zur Verfolgung der in Deutschland ihr Unwesen treibenden Hexen und Zauberer ermächtigte. Sehr erfolgreich war er nicht; dem Bi­schof von Brixen war er als »ganz kindisch«, als ver­trottelter Greis erschienen. So verwies der Bischof ihn seiner Diözese.

Der Hexenhammer war eine Reaktion darauf. Unter Berufung auf Autoritäten wie Augustinus oder Thomas von Aquin suchte der Autor zu bewei­sen, dass rechtgläubig sei, wer Nachtflug, Sex mit Dämonen oder Schadenzauber Realität zuschrieb. Das dickleibige Machwerk bot wenig Neues. Es systematisierte, was man damals über das Hexen­werk zu wissen meinte, und gab präzise Hinweise, wie Prozesse zu führen waren. In mehrere Sprachen übersetzt und bis ins Jahr 1669 etwa dreißigmal auf­gelegt, wurde das fatale Buch zur Bibel vieler He­xenjäger.

Auffällig ist der fanatische Frauenhass, der von Seite zu Seite daraus spricht. Vermutlich hatte sich da ein frustrierter Zölibatär Verdrängtes vom Leib geschrieben. Wer anders als der Teufel konnte hin­ter den Verlockungen des Weiblichen stecken, die auch ihn, den frommen Mönch, bisweilen befallen haben mögen? Das misogyne Gift des Hexenham­mers ist eine der Ursachen dafür, dass in vielen Re­gionen Mitteleuropas bis zu 80 Prozent der Opfer Frauen waren. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wurden insgesamt etwa 60.000 angebliche Hexen und Hexer gehenkt, geköpft oder verbrannt. Auch Kinder wurden manchmal nicht verschont. Der Henker schnitt die Pulsadern auf, um ihnen das Sterben zu erleichtern.

Unumstritten war die Verfolgung nie. Die Fron­ten verliefen quer durch Konfessionen und selbst Orden. Die Jesuiten stellten mit Martin Delrio, Autor einer monumentalen Hexenlehre, einen würdigen Nachfolger des Institoris; Jesuiten waren aber auch Adam Tanner und Friedrich Spee, zwei entschiedene Kritiker der Prozesse. In seiner Cautio Criminalisvon 1631 ließ Spee durchblicken, dass er das gesamte Hexenwesen allein für ein Produkt der Folter und der Unwissenheit hielt. Am Ende des 17. Jahrhunderts zog der niederländische Theologe Balthasar Bekker den Zorn seiner calvinistischen Glaubensgenossen auf sich, als er in seiner Schrift Bezauberte Welt die Macht des Teufels und die Existenz von Dämonen überhaupt verneinte.

Erst als die Aufklärung mit ihrer Feier von Ver­nunft und Toleranz in Kabinette und Gerichtsstuben Eingang fand, nahte allmählich das Ende einer der dunkelsten Episoden der europäischen Geschichte. Doch dauerte es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, bis endgültig der Vorhang fiel. Die letzte »legale« Hinrichtung einer »Hexe«, der Magd Anna Göldin, fand 1782 im schweizerischen Glarus statt.

Bernd Roeck „Hexenverfolgung“ in ZEITGeschichte 03/2020, S. 30 – 33

Über das Böse

Phoebus, der Hauptmann der Stadtwache in Paris, ist in unserer Version anders gezeichnet als in Victor Hugos Original. „Unser“ Phoebus entscheidet sich „falsch“ und nimmt damit das Leid, das Esmeralda, die er eigentlich liebt, wissentlich in Kauf. Moralisch nennt man sein Verhalten „böse“. Die Philosophin Hannah Arendt hat in ihrer Vorlesung „Über das Böse“ einen Gedanken entwickelt, der dieses Verhalten von Phoebus moraltheoretisch gut beschreibt.

Text aus Hannah Arendt, „Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“, München, 2006

Schließlich wollen wir uns [in diesem Zusammenhang] an die wenigen Hinweise erinnern, die ich zu der Frage, wie das Problem des Bösen vom Standpunkt dieser streng genom­men philosophischen Art von Moral aussieht, gegeben habe. Das Böse – wenn hinsichtlich des Selbst und des denkenden Austausches zwischen mir und mir selbst bestimmt – bleibt formal, so inhaltsleer wie Kants kategorischer Imperativ, Jessen Formalismus seine Kritiker so oft in Rage versetzt hat. Wenn Kant sagte: Jede Maxime, die kein universal gül­tiges Gesetz werden kann, ist Unrecht, so ist das, als hätte Sokrates gesagt, jede Tat sei Unrecht, mit deren Urheber ich nicht mehr Zusammenleben könne. Im Vergleich scheint Kants Aussage weniger formal und sehr viel strenger zu sein; Diebstahl und Mord, Fälschung und falsches Zeugnis Ablegen werden mit gleicher Härte untersagt. Die Frage, ob ich nicht lieber mit einem Dieb als mit einem Mörder Zu­sammenleben möchte; ob ich vielleicht einen Fälscher be­trächtlich weniger gern hätte als jemanden, der eine falsche Zeugenaussage gemacht hat, etc., wird nicht einmal gestellt. Der Grund für diesen Unterschied liegt auch darin, daß Kant – trotz gegenteiliger Beteuerungen – eben doch nicht genau zwischen Legalität und Moralität trennte und daß er Moralität ohne Vermittlungen zur Quelle des Gesetzes ma­chen wollte, so daß der Mensch, wo immer er hinging und was immer er tat, sein eigener Gesetzgeber, eine völlig auto­nome Person war. In Kants Aussage ist das Böse dasselbe, ob es den Menschen zum Dieb oder zum Mörder macht; es handelt sich um die gleiche unheilvolle Schwäche in der menschlichen Natur. Ein weiteres und selbstverständlich sehr gewichtiges Beispiel dafür, daß Übertretungen aufge­listet und nicht entsprechend ihrer Schwere bewertet wer­den, ist der Dekalog, von dem auch angenommen wurde, daß er die Grundlage der im Land geltenden Rechtsordnung gewesen ist.

Nun ist wahr, daß Sie, wenn Sie nur die eine der drei Sokratischen Aussagen nehmen (es ist besser, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun), dann die gleiche merkwürdige Gleichgültigkeit gegenüber möglichen Abstufungen des Bösen finden; doch dieser Eindruck schwindet, wenn Sie dieses zweite Kriterium [, das] des Mit-sich-selbst-Lebens[,] hinzufügen, wie wir es hier getan haben. Denn dieses ist, im Unterschied zum rechtlichen, ein rein moralisches Prinzip. Was den Handelnden angeht, so kann er nicht mehr sagen als: »Das kann ich nicht tun«, oder wenn er die Tat bereits ausgeführt hat: »Dies hätte ich niemals tun dürfen«, wo­mit er andeutet, daß er schon vorher Unrecht getan haben könnte, jedoch ohne unheilvolle Folgen. An diesem Punkt ergibt sich ein Unterschied zwischen jener Art von Über­tretungen, mit denen wir täglich zu tun haben und von de­nen wir wissen, wie wir mit ihnen klarkommen oder sie entweder durch Bestrafung oder Vergebung loswerden kön­nen, und solchen Straftaten, von denen wir nur noch sagen können: »Das hätte nie geschehen dürfen«. Von dieser Be­hauptung aus ist es nur noch ein Schritt zu der Schluß­folgerung, daß wer immer solches tat, niemals hätte geboren werden sollen.42 Diese Unterscheidung ist offenbar sehr ähnlich derjenigen, die Jesus von Nazareth zwischen Über­tretungen macht, die ich »am Tage sieben Mal« vergeben soll, und jenen Straftaten, hinsichtlich derer es besser für den Täter wäre, »daß ein Mühlstein an seinen Hals gehänget und er ersäuft würde im Meer«43.

Zu diesen Aussprüchen gibt es für unseren Zusammen­hang zwei Dinge, die besonders vielsagend sind. Zunächst: Das [griechische] Wort, das für Straftat benutzt wird, ist ikandalon«, womit ursprünglich eine Falle, die man seinen einden stellte, gemeint war, und das hier für das hebräische Wort »mikshol« oder »zur mikshol«, Stolperstein, gebraucht wird. Diese Unterscheidung zwischen bloßen Übertretun­gen und diesen tödlichen Stolpersteinen scheint auf mehr hinzuweisen als die gegenwärtig gebräuchliche Unterschei­dung zwischen läßlichen Sünden und Todsünden; sie weist darauf hin, daß diese Stolpersteine nicht, wie es für die Über­tretungen gilt, aus unserem Weg geräumt werden können. Zweitens und nur scheinbar nicht mit dieser Textinterpre­tation vereinbar, notieren Sie bitte, daß [es heißt,] es wäre »ihm«,für ihn, besser gewesen, wenn er nie geboren worden wäre; denn das legt es nahe, die Bemerkung so zu lesen, als hätte sich der Täter der Straftat, für deren Wesen nichts wei­ter angegeben wird, als daß sie ein unüberwindbares Hin­dernis sei, selbst ausgelöscht.

Doch soweit wir auch gedanklich die Folgen ausspinnen mögen, welche diesen wenigen Behauptungen innewohnen, die in der einen oder anderen Weise noch immer die einzi­gen Einsichten sind, auf die wir bei unserer Suche nach der Natur des Bösen zurückgreifen können – eines ist nicht zu leugnen, nämlich die höchst persönliche und, wenn Sie so wollen, sogar subjektive Beschaffenheit all der Kriterien, die ich Ihnen vorgelegt habe. Hierbei handelt es sich möglicher­weise um den angreifbarsten Aspekt meiner Betrachtungen, und ich werde darauf in der nächsten Vorlesung zurück­kommen, wenn ich das Wesen des Urteils erörtere. Lassen Sie mich heute, sozusagen zur Selbstverteidigung, nur zwei Äußerungen erwähnen, die im wesentlichen den gleichen Gedanken aussprechen. Selbst wenn sie aus unvereinbare1 Quellen und von zwei grundverschiedenen Männern stammen, mögen sie Ihnen vielleicht einen Hinweis darauf ge­ben, worauf es mir ankommt. Die erste meiner Äußerungen stammt von Cicero und die zweite von Meister Eckhart, dem großen Mystiker des 14. Jahrhunderts. Cicero erörtert in seinen Gesprächen in Tusculum gegensätzliche Meinun­gen von Philosophen zu bestimmten Themen, die uns hier nicht zu interessieren brauchen. Und als er dazu kommt, entscheiden zu müssen, welche richtig und welche falsch sind, führt er plötzlich und recht unerwartet ein vollkom­ men anderes Kriterium ein. Er läßt die Frage nach der ob­jektiven Wahrheit fallen und sagt: Wenn ich zwischen den Meinungen der Pythagoräer und der Platos zu wählen habe, würde ich »beim Gott eher mit Plato auf Abwege geraten wollen, als mit diesen Leuten wahre Auffassungen vertre­ten«. Und er läßt seinen Gesprächspartner das noch einmal betonen: Auch er würde nicht das geringste dagegen haben, mit einem solchen Mann auf Abwege zu geraten und zu irren. Noch erstaunlicher als diese nur polemische Aussage ist eine von Eckhart, die, offen gesagt, häretisch ist. Sie fin­det sich in einem der sogenannten Sprüche, die erhalten sind (und bei denen es sich eigentlich um Anekdoten handelt). Eckhart hat angeblich den glücklichsten Mann getroffen, der aber, wie sich herausstellt, ein Bettler ist. Es wird hin und her argumentiert, bis schließlich der Bettler gefragt wird, ob er sich auch dann noch für glücklich hielte, wenn er sich in der Hölle wiederfände. Und der Bettler, der seine Argumente auf seine Liebe zu Gott gestützt hat und auf die Annahme, daß er alles, was er liebe, bei sich habe, antwor­tet: O ja, »ich wäre lieber in der Hölle mit Gott als ohne ihn im Himmel«. Das Entscheidende ist, daß beide, Cicero und Eckhart, darin übereinstimmen, daß es einen Punkt gibt, an dem alle objektiven Maßstäbe (die Wahrheit, die Belohnungen und Strafen in einem Jenseits etc.) ihre Vor­herrschaft zugunsten dieses »subjektiven« Kriteriums – der Art von Person, mit der ich Zusammensein und leben möchte – abgeben.

Wenn wir unter Verwendung dieser Aussprüche die Frage nach der Natur des Bösen stellten, würde das darauf hinaus aufen, daß eher der Täter und das Wie seiner Tat bestimmt würde als die Tat selbst oder deren endgültige Folge. Und Sie werden diese Verschiebung von dem objektiven Was einer getan hat zu dem subjektiven Wer des Täters als Randge­gebenheit selbst in unserem Rechtssystem finden. Denn es stimmt zwar, daß wir jemanden für das verurteilen, was er tat, doch ebenso wahr ist, daß diese Tat nicht mehr in Betracht gezogen wird, wenn man den Mörder begnadigt. Nicht der Mord wird vergeben, sondern dem, der getötet hat, seiner Person, wie sie in Anbetracht der Umstände und Absichten erscheint. Das Lästige an den Nazi-Verbrechern war gerade, daß sie willentlich auf alle persönlichen Eigen­schaften verzichteten, als ob dann niemand mehr übrig­bliebe, der entweder bestraft oder dem vergeben werden könnte. Immer und immer wieder beteuerten sie, niemals etwas aus Eigeninitiative getan zu haben; sie hätten keine wie auch immer gearteten guten oder bösen Absichten ge­habt und immer nur Befehle befolgt.

Um es anders zu sagen: Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein. Im konzeptionellen Rahmen dieser Betrachtungen könnten wir feststellen, daß Übeltäter, die sich weigern, selbst dar­über nachzudenken, was sie am, und die sich auch im Nachhinein gegen das Denken wehren – also sich weigern, zurückzugehen und sich an das zu erinnern, was sie taten (wobei es sich um »teshuvah« oder Reue handelt) -, es eigentlich versäumt haben, sich als ein Jemand zu konstitu­ieren. Indem sie sturköpfig ein Niemand bleiben, erweisen sie sich als unfähig, mit Anderen zu kommunizieren, die, ob nun gut, böse oder in dieser Hinsicht unbestimmbar, zumindest aber Personen sind.

Warum es eigentlich nicht OK ist, Zigeuner zu sagen

Ein Beitrag von unserer Dramaturgin Michaela

Schon seit einiger Zeit schwelt in Deutschland eine Debatte zwischen Menschen, denen die ‚political correctness‘ sehr am Herzen liegt und anderen, die dem Ganzen mit Unverständnis zuschauen und sich fragen, warum man auf einmal nicht mehr ‚Zigeunerschnitzel‘ sagen darf und ganze Kinderbücher umgeschrieben werden müssen, weil irgendwo ein vermeintlich rassistisches Wort vorkommt.

Von diesen Menschen höre ich oft Argumente wie: „Das hat man früher halt so gesagt, ganz ohne böse Hintergedanken. Da steckt nichts hinter. Und überhaupt, müssen wir Pippi Langstrumpfs Vater statt Negerkönig jetzt König der Südsee nennen?”

Ich sage: Ja.

Wir haben die Verantwortung, unser Sprachverhalten zumindest zu überdenken. Doch wenn es darum geht, gewisse Wörter (Zigeuner, Neger, Indianer etc.) nicht mehr zu benutzen, kriegt man von vielen Menschen schnell zu hören: „Wenn ich das sage, dann meine ich das ja gar nicht so. Schon gar nicht rassistisch.”

Das ist schon einmal sehr gut.

Nur ist das Problem halt nicht, wie es dir dabei geht, sondern der Person, die du damit ansprichst. Vielleicht sagst du ja ‚Zigeuner‘ ohne bösen Hintergedanken. Der Nazi nebenan tut es nicht. Und eine Person, die dich nicht kennt, kann nicht unterscheiden, zu welchem Lager du gehörst.

Und im Gegenzug kannst du nicht einschätzen, ob diese Person nicht gerade erst von wütenden Ausländerfeinden mit demselben Wort beschimpft wurde, das für dich einfach ein Wort ist, das man schon immer so verwendet hat.

Für mich gilt: Sprache schafft Realität.

Indem wir Dinge aussprechen, schaffen wir einen Rahmen. Einen Rahmen dafür, was wir in unserer Gesellschaft akzeptieren und was nicht. Wenn Wörter, die klare rassistische Ursprünge haben, akzeptiert sind – egal in welchem Kontext – ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis auch rassistische oder ausgrenzende Handlungen akzeptiert werden.

Deshalb gilt für mich: Als Angehörige einer Mehrheit obliegt mir die Verantwortung, Minderheiten zu schützen. Ganz nach dem Motto: „Gerechte Sprache alleine mag zwar keine gerechte Welt schaffen. Aber durch gerechte Sprache können wir zeigen, dass wir eine gerechte Welt wollen.”

Doch wie kann es dann sein, dass wir trotzdem in unserem Glöckner von Zigeunern sprechen? Einem Wort, das zwar Victor Hugo und Disney genutzt haben, aber das Sinti und Roma heute eindeutig als diskriminierend bezeichnen?

Hier liegt der Knackpunkt. Es geht in unserem Stück nicht darum, die Ausgrenzungen von Sinti und Roma, sprich die Ausgrenzung einer gesellschaftlichen Gruppe, darzustellen. Vielmehr soll das Wort ‚Zigeuner‘ als Sammelbegriff gesehen werden, der stellvertretend für alle an den Rand gedrängten Gruppen unserer Gesellschaft steht. Obdachlose, Arbeitslose, Geflüchtete, ehemalige Strafgefangene, Sinti und Roma, Menschen mit anderen Religionen, Menschen mit anderer Hautfarbe und anderer Sprache.

Sie alle sind die Zigeuner, um die es hier geht. Randgruppen, Menschen, denen wir in unserer Mitte keinen Platz geben wollen.

So muss man den Begriff in diesem Kontext als Platzhalter verstehen, für all diejenigen, die auch heute noch genauso ausgestoßen leben müssen wie Esmeralda und Co. zu Hugos Zeiten und die unter denselben Diskriminierungen leiden.

Somit wurde die Verwendung dieses Wortes für unser Stück eine Bezeichnung, die funktioniert.

Trotzdem gilt am Ende für uns alle: Bitte nicht weitersagen.

Entschuldigung

von Rupi Kaur
(danke an Anna für das Fundstück!)

ich möchte mich bei allen frauen entschuldigen,
die ich schön genannt habe.
bevor ich sie schlau oder mutig nannte.
es tut mir leid, dass ich es so klingen ließ,
als wäre etwas, womit du geboren wirst,
das wichtigste, worauf du stolz sein kannst,
wenn dein mut berge zerschmettert hat.
von jetzt an werde ich dinge sagen wie: du bist unverwüstlich
oder: du bist außergewöhnlich.
nicht weil ich dächte, du wärst nicht schön.
aber weil du so viel mehr bist als das

Weitere Gedanken zum Stück?
Das Nibelungenlied stammt von einer Frau /Hengstin / Du Schurke! / Die Waffe einer Frau / Mann über Bord/ Ordnung ist der Feind der Freiheit

Hengstin

Wer hat dich in Ketten gelegt? Ketten aus Silber und Gold
Hast du das Silber gewählt? Hast du das selber gewollt?
Bleibst du gefällig, damit du jedem gefällst?
Die Waffen einer Frau richten sich gegen sie selbst!

Du hast gelernt, dass man besser keine Regeln bricht,
Dass man sich besser nicht im Gefecht die Nägel bricht,
Tiefe Stimmen erheben sich, gegen dich, knebeln dich,
Doch wer nichts zu sagen wagt, der spürt auch seine Knebel nicht!

Du fragst, was Sache ist? Reden wir Tacheles!
Ich glaube nicht daran, dass mein Geschlecht das schwache ist!
Ich glaube nicht, dass mein Körper meine Waffe ist!
Ich glaube nicht, dass mein Körper deine Sache ist!

Reiß dich vom Riemen, es ist nie zu spät
Denn ein Weg entsteht erst wenn man ihn geht
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin, 
Ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin

Trau keinem System, trau nicht irgendwem!
Lass dich nicht von Zucker und Peitsche zähmen!
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin,
Ich bin ’ne, ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin!

Festival Mainstage alles voller VIP’s,
Plattenfirma, Chefetage alles voller VIP’S,
Very Important Penises wo sind die Ladys im Business?
Wo man auch nur hin tritt überallen Schlips!

Es ist seit Hunderten von Jahren dieselbe Leier,
Das selbe Lied zu dem die Chauvis gerne feiern!
Sie besaufen sich am Testosteron bis sie reihern!
Ich seh so viele Männer und so wenig Eier!

Erzähl mir nicht, dass das Thema kalter Kaffee ist,
Man muss nicht alles schwarz anmalen um zu erkennen was Sache ist
Wir leben in ’nem Herrenwitz, der nicht zum Lachen ist,
Doch wenn man ihn nur gut erzählt, merkt keine Sau, wie flach er ist!

Reiß dich vom Riemen, es ist nie zu spät
Denn ein Weg entsteht erst wenn man ihn geht
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin
Ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin

Trau keinem System, trau nicht irgendwem
Lass dich nicht von Zucker und Peitsche zähmen
Ich bin kein Herdentier, nur weil ich kein Hengst bin
Ich bin ’ne, ich bin ’ne, ich bin ’ne Hengstin

Weitere Gedanken zum Stück findest du hier: Du Schurke, Vater Rhein, Die Waffe eine Frau, Ordnung ist der Feind der Freiheit

Du Schurke!

Ach, wie schön ist es, wenn das Böse so durch und durch Böse sein darf. Erinnert ihr euch noch an „die zauberhafte Welt von Oz“? Zwei gute und zwei böse Hexen – und die bösen sind dabei so durchtrieben, dass völlig klar ist, wer und was bekämpft werden muss.

Das hilft! Es gibt Orientierung und führt vor Augen, welches Handeln keine guten Absichten hat und sich gegen den Menschen wendet.

Wer ist also der Schurke im Nibelungen-Lied, von dem wir direkt wissen: „so bitte nicht“? Alle Finger in den Interpretationen zeigen sofort auf Hagen. Er, der Manager, der hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hat, ist es, der den Figuren immer wieder leid antut.

Wir fanden, dass wird der Figur nicht gerecht. Und leider ist das „echte“ Leben auch nicht so schön in „gut“ und „böse“ zu teilen, so sehr wir uns das wünschen. Die „böse“ Banken, die „bösen“ Manager, die „bösen“ Politiker, die nur ihre Interessen im Blickfeld haben. Doch das greift zu kurz. Hinter jedem Handeln steckt eine Motivation, die manchmal komplizierter ist, als man zu Beginn meint. Wer schnell ein Urteil parat hat, wird oft diesen komplexen Umständen nicht wirklich gerecht. Denn warum handelt jemand in einer bestimmten Art und Weise? Was im echten Leben schwer zu ergründen ist, ist beim Schreiben eines Theaterstücks die zentrale Herausforderung der Figurenkonzeption. Und wir wollten Hagen anders als Hebbel* nicht vollständig diesem bösen Image überlassen. Uns hat interessiert, warum Hagen so handelt, wie er es tut, immer in der Annahme, dass er damit ein (gutes) Ziel erreichen will. Natürlich verfolgt er seine Interessen, aber wer tut es nicht? Natürlich versteht er sich im geschickten Zusammenführen von Situationen – er wäre der bessere König gewesen (und er weiß es)! Und stattdessen sieht er die Unfähigkeit König Gunthers stets vor sich und ist bemüht, Worms indirekt zu führen. Ihm ist es nicht gestattet, auf Augenhöhe mit dem Königshaus zu sprechen – der gedemütigte Bewerber Conrad von Ingelheim führt Hagen das schnell vor Augen: Wie ist noch mal gleich ihre Position am Hof?

Und so kommt eins zum anderen. Nicht jeder Plan geht auf und am Ende entsteht ein Chaos, das auch er nicht mehr beherrscht und ihn überfordert. Er macht die Fehler, die alle Figuren weiter an den Abgrund führen.

Aber eindeutig „böse“ ist er nicht. Hagen ist Täter. Und Opfer.

)* Christian Friedrich Hebbel (1813 – 1883) war ein deutscher Dramatiker und Lyriker. 1861 veröffentlicht er das Theaterstück „Die Nibelungen“, eines seiner wichtigsten Werke.

Weitere Gedanken zum Stück: Die Waffe einer Frau / Vater Rhein / Mann über Bord / Ordnung ist der Feind der Freiheit

Die Waffe einer Frau …

… ist eine Waffe. So verteidigt Krimhild in Xanten ihre „Kampfschule für junge Frauen“. Das Autorenteam hat sich mit dieser Stelle intensiv auseinandergesetzt. Zu Beginn stand hier ein Waisenheim, für das sich Krimhild einsetzen sollte. Typisch Frau eben, die mit „anderen“ Waffen kämpft, sozial engagiert ist und für die sanfte Veränderung steht. Genau dieses Bild befördert die gespurten Rollenbilder und bekräftigt das Trennende.

Was wäre eigentlich, wenn die Kategorie „Mann und Frau“ keine Rolle mehr spielte und es nur noch eine gebe, nämlich „den Menschen“. Das wäre das Ende des Rassismus, denn wenn Menschen nicht nach ihrer Kategorie, sondern ihres eigenen Wesens nach beobachtet würden, kollabierten alle Vorbehalte gegen „Bevölkerungsgruppen“ jeder Art.

Zu dumm, dass unser Gehirn eben gerne zur besseren Einordnung der Wahrnehmung bevorzugt mit Kategorien arbeiten kann. Wenn wir unsere Welt sauber kartographieren gewinnen wir Überblick und Sicherheit. Daher teilen wir alles und jeden in Klassen, Gattungen und Gruppen ein. Nur dass genau eben diese Gruppierungen individuell immer wieder rasch an Grenzen stoßen und man sich plötzlich in Schubladen wiederfindet, aus denen man sich nur schwer und dann auch nur unter teilweise größten Anstrengungen bis hin zur Aufopferung befreien kann. Genau dieses Dilemma erleiden nahezu alle Figuren in „Krimhild“. Egal ob Krimhild oder Brunhild, Hagen oder Gunther, Ute oder Siegfried. Alle sind gefangen in systemischen Strukturen, die eine Entfaltung ihrer Persönlichkeit schlimmstenfalls ver- aber in jedem Fall behindern.

Würde es uns verwundern, wenn Siegfried, Hagen oder Etzel eine Kampfschule bauen wollten? Wahrscheinlich nicht. Die Provokation ist, dass dies eine Frau einfordert. Und das beschreibt das eigentliche Problem, von dem wir alle ein Teil sind. Wir müssen uns bewusst werden, dass stereotypisches Denken missbraucht wird, um Machtinteressen durchzusetzen. Wir müssen anfangen, bestehende Strukturen nicht als „Natur gegeben“ anzusehen und damit Unrecht billigend in Kauf nehmen. Unterschiede gibt es zwischen allen Menschen, aber allen ist auch eines gemein: dass sie eben Menschen sind. Und in diesem Sinne: Die Waffe eines Menschen, ist eine Waffe. Ganz egal, ob es eine Frau, ein Mann, ein Nigeraner oder Ostwestfale ist.

Weitere Gedanken zum Stück:

Vater Rhein / Mann über Bord / Ordnung ist der Feind der Freiheit