Kategoriearchiv: Gedanken zum Stück

Hat jede Geschichte ein Ende?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?

Ein Krankenzimmer. Ein alter Tänzer im Rollstuhl, und seine Tochter, die zu Besuch kommt – mit einem Doughnut und einer Beschwerde über den vollen Parkplatz.

Oskar war Tänzer. Von allen Künsten ist das die, die am unmittelbarsten an einen Körper gebunden ist – und er sitzt im Rollstuhl. Dieser Verlust steht die ganze Szene über im Raum.

Oskar weiß, dass es zu Ende geht. Er hat nur eine Bitte: Elisabeth soll ihm noch einmal die Geschichte erzählen. Die eine, die sie beide kennen.

Sie erzählt sie nicht. Sie weicht aus, mit allem, was sie hat: mit dem miesen Tag im Büro, mit dem Abendessen, mit Witzen. Denn sie weiß, was das Erzählen bedeutet.

„Ich kann dir die Geschichte nicht erzählen. Nicht, wenn du mich danach verlässt.“

Auch sie hält den Abschied auf, indem sie etwas nicht tut: Solange sie nicht erzählt, bleibt er.

In unseren anderen Shorts kämpft jemand gegen den Verlust. Hier nicht. Oskar hat seinen Frieden gemacht – und die Sehnsucht liegt bei der, die bleibt, nicht bei dem, der geht.

Dazwischen steht ein Pfleger, der dreimal ansetzt und dreimal unterbrochen wird. Ihm stellt Oskar die Frage, um die es geht, und die Antwort ist der trockenste Satz des Abends:

„Ein offenes Ende ist auch irgendwie ein Ende, oder?“

Rot zieht sich durch alle sieben Geschichten: der Gegenstand, an dem der Verlust hängt, und das Kostüm der Figur, um die es geht. Hier sind es Blumen im Krankenzimmer – und Oskars Jacke.

Und diese Szene ist fast bis zum Ende still. Sonst läuft der ganze Abend über einer einzigen, durchlaufenden Musik. Hier schweigt sie lange.

„Every story has an end“ ist unsere sechste Saite, unser Kammerspiel.

Nächste Woche stellen wir dir die siebte und letzte Saite vor. Da geht es um eine Frau, die als einzige schon durch die Hölle gegangen ist.

Kann es überhaupt möglich sein?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(6) Hat jede Geschicht ein Ende?

Eine Fotografin steht vor ihrer Kamera und streckt die Hände aus. Sie kommt nicht an sie heran.

Jedes Mal, wenn sie sie fast berührt, erscheint hinter ihr ein Schatten und spricht. Es sind Stationen einer Beziehung, und sie laufen der Reihe nach ab: das erste Date, die ersten Sätze, die sich anfühlen wie Ankommen. Dann die Sätze, die etwas verschieben. Dann die, die etwas wegnehmen. Keiner davon ist für sich genommen Grund genug zu gehen.

Emma sagt dabei sehr lange nichts. Fast die ganze Szene hindurch fällt kein Wort von ihr. Sie erstarrt, sie hält sich die Ohren zu, sie dreht sich um – und findet nie jemanden, den sie ansehen könnte. Die Schatten verblassen, bevor sie sie erreicht.

Denn der Mann, um den es geht, tritt nie auf. Er hat keinen Körper. Er ist eine Stimme im Rücken, mal von der einen Seite, mal von der anderen.

Was ihr genommen wurde, ist nicht die Kamera. Die steht da. Es ist die Selbstverständlichkeit, sie in die Hand zu nehmen.

Und was sie zurückhaben will, ist kein Gegenstand und kein Können. Es ist die Frau, die sie war, bevor jemand angefangen hat, ihr zu erklären, wer sie ist.

„Ich kann sie nicht halten. Nicht mal anfassen ohne zu zittern.“

Auch sie streckt die Hand nach etwas aus, das sie nicht mehr erreicht.

„If it is possible at all“ ist unsere fünfte Saite, unser psychologisches Drama.

Ein Hinweis, weil er zu dieser Geschichte gehört: Der Abend behandelt unter anderem seelische Gewalt in einer Beziehung und sexualisierte Gewalt. Falls du das vor einer Entscheidung wissen wolltest – jetzt weißt du es.

Nächste Woche stellen wir dir die sechste Saite vor. Da geht es um einen alten Tänzer und um eine Geschichte, die seine Tochter ihm nicht erzählen will.

Kann Kunst die Welt verändern?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?

Im Mittelpunkt dieser Szene steht ein Gemälde. Und sie spielt in zwei Zeiten.

Die eine liegt Jahrhunderte zurück. Eine Malerin hat einen Förderer gefunden. Er zahlt großzügig und sagt von Anfang an, was er dafür haben will: ein Porträt des Kaisers. Dann kommt eine Anzahlung. Dann eine Frist, drei Monate statt einem halben Jahr. Dann der Hinweis, dass der Kaiser in die Stadt kommt und das Bild sehen wird.

Und es bleibt nicht beim Bild. Er preist sie an, er stellt sie aus, und er lässt keinen Zweifel daran, dass er sie für einen Teil dessen hält, was er bezahlt.

An ihrer Seite arbeitet ihre Partnerin. Sie weiß, woher das Geld kommt. Sie weiß nicht, was der Mann dafür verlangt. Deshalb trifft sie ihn ungeschützt – und stellt ihre Frage noch in dem Glauben, es ginge hier um Kunst:

„Seit wann denkst du, dass Kunst gefallen muss?“

Er hat nie ein Bild gekauft. Er hat sich ein Verfügungsrecht gekauft – über das Werk und über die, die es macht.

Die andere Zeit spielt in einem Museum, irgendwann später. Ein Guide führt eine Gruppe durch die Sammlung, bleibt vor einem Bild stehen und erzählt dessen Geschichte: technisch bemerkenswert, lange fast vergessen, dann auf spektakuläre Weise doch noch an die Öffentlichkeit gelangt – und es habe einen politischen Umbruch in Gang gesetzt. Sein Schlusssatz:

„Sie sehen: Kunst kann das Weltgeschehen verändern.“

Der Guide hat recht. Das Bild hat die Welt verändert. Er erzählt das als Erfolgsgeschichte und weiß nicht, was sie gekostet hat. Die Frau, die es gemalt hat, hat seinen Satz nie gehört.

Auch ihr wird etwas versprochen, das an eine einzige Bedingung geknüpft ist.

„Art can change the world“ ist unsere vierte Saite, unser Sozialdrama.

Nächste Woche stellen wir dir die fünfte Saite vor. Da geht es um eine Fotografin, die ihre Kamera nicht mehr halten kann.

Perfekt ist der Feind von gut?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?

Ein Mann sitzt an seiner Schreibmaschine. Die Hände liegen bereit wie bei einem Pianisten. Es klackert. Dann Stille. Dann verschwindet das Blatt in der Schublade.

Ein neues Blatt, sehr sorgfältig eingezogen. Zerknüllt. Ein Ritual des Nichtschreibens.

Dabei läuft alles gut für ihn. Sein letztes Buch steht auf den Bestsellerlisten, er ist für den Buchpreis nominiert.

Nur hört er das nicht. Er hört etwas anderes, und er hört es überall: aus dem Telefon, vom Postboten, von seiner Haushälterin, aus dem Fernseher. Sogar aus der Schreibmaschine.

„Ihr letztes Buch war total wertlos und langweilig – von der ersten bis zur letzten Zeile.“

Dann reden alle weiter, als wäre nichts gewesen. Gesagt hat es ja auch niemand. Was da spricht, ist seine eigene Stimme – das, was er die anderen über sich denken hört. Widersprechen kann er ihr nicht: Sie steht nicht im Raum, sondern im Kopf.

„Perfekt ist der Feind von gut“, sagt seine Freundin. „Du bist zu streng zu dir.“ — „Wenn ich nicht mein strengster Kritiker bin“, antwortet er, „dann werden sie mich zerfleischen.“

Sein Anspruch ist so hoch geworden, dass nichts mehr daran vorbeikommt. Kein Satz, kein Bild, keine Figur. Und wonach er sucht, ist am Ende gar nicht das perfekte Buch. Es ist sein erstes – geschrieben, als noch niemand etwas von ihm erwartete, er selbst am wenigsten. Ein Erstlingswerk schreibt man nur einmal.

Den Rest besorgen die Stimmen. Am Ende steht kein strengeres Buch. Es steht gar keins.

Auch er will etwas zurückholen, das es nicht mehr gibt.

„Perfect is the enemy of good“ ist unsere dritte Saite, unsere Tragikomödie. Sie ist komisch, solange man von außen zusieht.

Nächste Woche stellen wir dir die vierte Saite vor. Da geht es um eine Malerin – und um ein Bild, das du den ganzen Abend nur von hinten sehen wirst.

Kein Opfer ist zu groß?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?

Eine Stadt unter Beschuss. Die feindliche Armee steht im Zentrum, in einer halben Stunde fährt der letzte Zug. Die Filmemacherin sitzt am Schneidetisch und arbeitet.

Ihre Assistentin fleht sie an mitzukommen. Es nütze doch nichts, wenn sie hier stirbt. Die Filmemacherin wiegelt ab – der Schnitt muss erst noch fertig werden.

Das ist keine mutige Entscheidung, und es ist auch keine schwere. Es ist überhaupt keine – für sie steht nichts zur Wahl:

„Du verstehst es nicht. Wie denn auch? Was ist mein Leben wert? Nichts im Vergleich zu diesem Werk! Kein Opfer ist zu groß!“

Als der Strom ausfällt, nimmt sie den Film aus der Maschine, legt ihn in seine Rolle und spricht ihn an wie ein Kind, bevor sie schließlich fliehen muss.

Am Ende zählt nur noch eine Sache, und alles andere wird verhandelbar.

Hinter unseren Schattenwänden läuft dann ihr Leben ab. Nicht als Entschuldigung, eher als Beweisführung: Kränkungen, Kompromisse, Angebote, die man nicht ablehnt. Man sieht einer Frau dabei zu, wie ihr Stück für Stück alles abhandenkommt, was sie diesem einen Satz hätte entgegenhalten können.

Auch sie geht einen Weg nach oben, mit etwas, das sie nicht verlieren darf.

„No sacrifice is too big“ ist unsere zweite Saite. Kein anderer unserer Shorts beginnt so laut – und keiner wird danach so still.

Nächste Woche stellen wir dir die dritte Saite vor. Da geht es um einen Mann, der nicht mehr schreiben kann – und um die Stimmen, die er überall hört.

Zu groß zum Sterben?

Ab heute stellen wir dir jede Woche einen unserer sieben Shorts vor. Sieben Kurzgeschichten, sieben Menschen – und sieben Mal dieselbe Frage: Was passiert mit dir, wenn du verlierst, was sich nicht ersetzen lässt?
Wir fangen dort an, wo es am lautesten ist.

O ist ein Weltstar. Fünf Alben, 281 Millionen Follower. Und ein Vertrag, aus dem sie raus will.

Denn ihre Plattenfirma hat etwas getan, was sie ihr nicht verzeiht: Sie hat das Lied „Flügel“ als Werbejingle an eine Fluggesellschaft verkauft. An die Fluggesellschaft, bei deren Absturz Os Eltern gestorben sind.

Also steht O an diesem Morgen im Büro der CerBerUs Music Group. Drei Menschen führen dieses Unternehmen: Cer, Ber und Us. Sie lachen viel, und ihr Lachen klingt wie Gebell. „Wir kläffen nicht, wir bellen“ – das ist seit Jahren ihr Slogan.

O ist nicht allein gekommen. Sie hat ihren Anwalt dabei und ihre Band: Sis an der Gitarre, Tan am Schlagzeug, Ix am Gesang, Ti am Bass. Und sie hat 281 Millionen Menschen im Rücken.

„Ich habe mir einen Ruf aufgebaut, den kann man nicht mehr zerstören“, sagt sie. „Ich bin zu groß zum Sterben.“

Wer die griechischen Sagen kennt, ahnt vielleicht schon, wer Cer, Ber und Us gemeinsam ergeben. Und wer von Sisyphos, Tantalos, Ixion und Tityos gehört hat, sollte bei den Namen von Os Band genauer hinhören. Diese vier haben in der Unterwelt eine Strafe bekommen, die niemals endet. Was passiert wohl, wenn ihnen jemand genau diese Strafe anbietet – und sie klingt wie ein Angebot, das man nicht ausschlägt?

„Too big to die“ ist unsere erste Saite und der satirischste unserer sieben Shorts. Es wird viel gelacht in dieser Szene. Und irgendwann merkst du, worüber.

Nächste Woche stellen wir dir die zweite Saite vor. Da geht es um eine Frau, die für einen einzigen Film alles aufgibt.

Karten für „Orpheus Shorts“ kannst du ab dem 22. August reservieren – alle Termine findest du hier.

Bisher haben wir folgende weitere Saiten veröffentlicht:
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?

Kennst du Orpheus?

Kennst du Orpheus? Hast du schon einmal etwas von ihm gehört? Vielleicht von seiner berühmten Fahrt auf der Argo nach Kolchis, um mit Jason das Goldene Vlies zu erobern?
Vielleicht davon, dass Flüsse ihre Wege ändern, Felsen zu weinen beginnen, die Götter im Olymp lauschen wenn er singt?
Vielleicht hast du auch gehört, dass er das Tieropfer für die Götter abgelehnt hat.

Aber bestimmt hast du von Eurydike und ihm gehört – jener herzzerreißenden Geschichte, in der Orpheus seine geliebte Frau durch einen Schlangenbiss verlor und er sich aufgemacht hat in den Hades, um sie zurückzuholen. Was eigentlich keinem Sterblichen gelingt, gelingt ihm. Weil er durch seine Musik den gesamten Hades anrührt und Persephone, die Herrin der Schatten und Hades, der Herr der Unterwelt, geben Eurydike frei, wenn, ja wenn Orpheus sich nicht umblicke.

Natürlich kommt es anders. Und Orpheus blickt sich um und verliert Eurydike für immer.

Aber warum blickt er sich um? Oder war Eurydike nie wirklich hinter ihm? Hat er nur verstanden, dass dieser Verlust endgültig ist?

Sehnsucht und Verlust – das sind die beiden Themen dieser von Vergil geprägten Sage.
Unerträglicher Verlust. Unerfüllbare Sehnsucht.

Sieben Geschichten erzählen wir. Sieben Geschichten von Künstler:innen. Von deren unerfüllbarer Sehnsucht. Und von unerträglichem Verlust. Immer anders: mal satirisch, mal tragikomisch, mal dramatisch. Und doch immer gleich.

Siehst du hin, Orpheus?

Kurz zusammengefasst: Die unendliche Geschichte (der Roman)

Bastian Balthasar Bux ist ein zehn- bis elfjähriger, fantasievoller, aber unsicherer Junge. Nach dem Tod seiner Mutter hat sich sein Vater in die Arbeit geflüchtet und schenkt ihm kaum Beachtung. In der Schule ist Bastian ein Außenseiter und wird gehänselt. Auf der Flucht vor seinen Mitschülern versteckt er sich im Antiquariat von Karl Konrad Koreander. Dort entdeckt er ein geheimnisvolles Buch, Die unendliche Geschichte, das er stiehlt und auf dem Dachboden seiner Schule zu lesen beginnt.

Das Buch erzählt vom Reich Phantásien, das vom Nichts bedroht wird. Die Kindliche Kaiserin, Herrscherin Phantásiens, ist schwer krank. Sie beauftragt den Jungen Atréju, ein Heilmittel zu finden. Auf seiner Reise begegnet er vielen Wesen, darunter dem Glücksdrachen Fuchur. Schließlich erkennt Atréju, dass die Kaiserin nur gerettet werden kann, wenn ihr ein Menschenkind einen neuen Namen gibt.

Während Bastian liest, überschneiden sich Realität und Geschichte. Atréju sieht Bastians Bild im Zauberspiegel, und Bastian begreift, dass er der Retter ist. Zunächst zögert er, doch als Phantásien fast verloren ist, gibt er der Kaiserin den Namen Mondenkind. Damit tritt er selbst in Phantásien ein.

Die Kaiserin übergibt Bastian das Amulett Auryn, das jeden Wunsch erfüllt. Doch jeder Wunsch kostet ihn eine Erinnerung an sein Leben in der Menschenwelt. Anfangs wünscht sich Bastian, schön, stark und mutig zu sein, und erschafft damit neue Orte und Wesen. Er gefällt sich in seiner Rolle als Erneuerer Phantásiens, lehnt aber die Rückkehr in seine Welt ab.

Wieder begegnet er Atréju und Fuchur, doch seine wachsende Machtgier, verstärkt durch die Hexe Xayíde, entfremdet ihn von seinen Freunden. Er träumt davon, selbst Kaiser von Phantásien zu werden. Als Atréju versucht, ihn aufzuhalten, kommt es zu einer Schlacht am Elfenbeinturm, in der Bastian Atréju verwundet.

Schließlich gelangt Bastian in die Alte-Kaiser-Stadt, wo Menschen gestrandet sind, die nie den Weg zurückfanden. Dort erkennt er, dass er nur noch so viele Wünsche hat, wie Erinnerungen übrig sind. Um heimzukehren, muss er seinen wahren Willen erkennen. Seine Wünsche führen ihn zu Gemeinschaft, Geborgenheit und schließlich zur Liebe.

Mit Atréjus Hilfe erreicht er den innersten Ort Phantásiens, wo das Wasser des Lebens fließt. Er trinkt davon, findet zu seinem wahren Ich und legt Auryn ab. Er nimmt den Entschluss, das Wasser seinem Vater zu bringen, und kehrt in die Menschenwelt zurück. Obwohl dort nur wenige Stunden vergangen sind, ist Bastian durch seine Reise verändert. Er erzählt seinem Vater von seinen Erlebnissen, und die beiden finden zu einer neuen, liebevollen Beziehung.

Die zentrale Aussage des Romans besteht darin, dass die Reise in die Welt der Phantasie nicht bloße Flucht bedeutet, sondern Quelle neuer Ideen und Einsichten ist. Durch das Träumen und Eintauchen in Fantasiewelten lernen Menschen, die verborgene Schönheit des Alltäglichen neu zu sehen und wertzuschätzen. Michael Ende betont, dass Phantasie an sich weder gut noch böse ist; ihre moralische Bedeutung erhält sie erst durch das Handeln, das aus ihr hervorgeht. Sie kann zu Kreativität, Liebe und Mitmenschlichkeit führen, aber auch missbraucht werden – etwa in Form von Lügen, die Macht und Manipulation erzeugen. Der Roman macht deutlich, dass wahre Wünsche in Gemeinschaft, Verantwortung und Liebe liegen. Nur wenn Phantasie dazu genutzt wird, die Realität bewusst und positiv zu gestalten, erfüllt sie ihren tiefsten Sinn.

Die vorliegende Inhaltsangabe basiert auf dem Wikipedia-Artikel Die unendliche Geschichte tark gekürzt und zusammengefasst (vgl. Wikipedia „Die Unendliche Geschichte (Roman)“ abergufen am 26.09.2025

Die Macht der Fantasie

Als Gottvater in sechs Tagen die Welt erschuf (am siebten ruhte er bekanntlich), benötigte er neben seiner Allmacht und einer soliden Logistik fraglos auch jede Menge Fantasie. Wie er vorging, ist uns als biblische Schöpfungsgeschichte überliefert. Wir glaubten ihr, bis uns Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie ernüchterte und die alttestamentarische Version als Phantasiegebilde entmystifizierte. Diskreditiert sind dadurch allerdings weder die biblische Genesis noch die Fantasie selbst. Wo unsere Erkenntnis endet, setzt notwendigerweise die Fantasie mit ihren Vorstellungen und Ideen ein. Sie ist gleichermaßen schöpferisches Denken wie Deutungs- und Erklärungshilfe der Realität und ihrer Phänomene. „Fantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt. Phantasie aber umfasst die ganze Welt“, folgerte Albert Einstein.

Nackt und unbehaust werde der Mensch geboren, hat Ernst Bloch hochpoetisch wie treffend festgestellt, in eine Hütte, hinter der die Dunkelheit beginnt und in eine Welt, die er zu seinem Zuhause machen muss. Dabei ist er nicht nur auf Arbeit, sondern auch auf Ideen angewiesen. Anders als das von Instinkten gesteuerte und von der Natur überlebensfähig ausgestattete Tier muss sich der Mensch, um zu überleben, seine Welt selbst gestalten, ihr Sinn und Ordnung geben, sie weiterdenken und ihre Vergangenheit verstehen. Dazu besitzt er als einziges Werkzeug sein Gehirn, das nicht nur in der Lage ist, Neues zu lernen, sondern auch kognitive wie sinnliche Erfahrungen als Wissen zu speichern und mittels der Fantasie daraus neue imaginäre Bilder zu formen.

Was daraus entsteht, bestimmt die menschliche Konstruktion der Wirklichkeit, ihre Sinngebung und Wahrnehmung. Fantasie spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie ist „Genius und Teufel“ (Immanuel Kant). Sie macht den Menschen zum Visionär wie zum Wahnsinnigen, schafft selige Träume und Horror- Visionen. Ungeheuer modern klingt Novalis, wenn er feststellt: „Die Fantasie setzt die künftige Welt entweder in die Höhe oder in die Tiefe oder in die Metempsychose (der Wanderung der Seele) zu uns. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“

Fantasie ist für den Menschen somit fundamental. Kein schöpferisches Denken kommt ohne sie aus, nicht einmal in den auf strenge Regelwerke und Fakten ausgerichteten Natur-oder Ingenieurwissenschaften. Dabei entstammen ihre Inspirationen und Bilder keineswegs irgendeiner Beliebigkeit. Mögen sich ihre Vorstellungen noch so weit ins Unendliche hinauswagen, fantastische Universen schaffen und bevölkern, oder tief tauchen, um das Dunkel des Metaphysischen zu erhellen: Was die Fantasie, die ihren Namen vom griechischen Verb „phaino“ (scheinen) hat, als Erscheinungen generiert, bleibt stets in den Speichern unseres Gedächtnisses geerdet.

Was wissenschaftlich längst als gesichert gilt und Traumdeutung und Psychologie beschäftigt, die enge Beziehung zwischen Fantasie und Gedächtnis, ahnte bereits Aristoteles, als er auf die Bedeutung der „memoria“ für die Fantasie hinwies. Nicht jeder war im Laufe ihrer Geschichte der Fantasie zugetan. So hielten die Scholastik und auch Nikolaus von Kues die Fantasie für eine minderwertige Geistestätigkeit. Dagegen war der aufgeklärte Denker Montesquieu überzeugt von der „Macht der Fantasie“. Selbst der misanthropische Arthur Schopenhauer musste einräumen, dass ohne Fantasie nichts Großes zu bewerkstelligen sei. Höchstens in der Mathematik, schränkte der Philosoph ein. Womit er irrte. Und sogar Ludwig Wittgenstein, der einst aller Metaphysik entsagt hatte, musste gegen Ende seines Lebens im Sinne Platons eingestehen, dass der Erscheinung unserer Wirklichkeit womöglich noch ein anderes Sein zugrunde liegt, dem man sich nur mit Hilfe der Imagination nähern kann.

Auch wenn sie jedermann nötig hat, so gilt die Fantasie doch seit jeher als das ureigene Terrain der Künstler. In ihrer Welt der Inspiration und Visionen scheinen bisweilen sogar die Ideen wirklicher zu sein als die Realität. Als Musiker, Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller oder Theatermacher schaffen Künstler alltäglich fantastische Welten, in die sie uns mitnehmen und dabei unsere eigene Fähigkeit zu Fantasie und Metaphorik herausfordern.

Als das Phantasialand der neueren Geistesgeschichte kann die Romantik gelten mit ihrem Hang zum Subjektiven, ihrer Liebe zu Märchen und Mythen, zu Mystik und Groteske, ihrem Horchen in die eigene und der Welt Seele. Als „Fantasiestücke in Callots Manier“ bezeichnete E.T.A. Hoffmann die Texte seines einflussreichen Erstlingswerks.

Auch wenn ihre Bedeutung längst erkannt ist: immer häufiger wird dieser Tage der Verlust der Fantasie beklagt. Neopositivismus, Materialismus, Technologie-Gläubigkeit, schneiden ihr die Luft ab. Wo Massenmedien und Internet unablässig Bilderfluten und virtuelle Welten liefern, scheint kaum Raum für eigene Vorstellung zu bleiben. Im Kinderzimmer ersetzen vielfach Sachbücher das literarisch Fiktive. Selbst die Kunst scheint vielerorts dem Fantastischen zu misstrauen und hangelt sich an Tagesaktualitäten entlang. Aber auch psychischer und sozialer Druck bedrohen die Phantasie. So haben Studien ergeben, dass die allen Kindern ursprünglich eigene Lust an Kreativität und fantastischem Spiel bei Traumatisierung oder schwierigen sozialen Verhältnissen leicht verkümmert. Fantasie braucht nun mal Freiraum und Luft zum Atmen. Es versteht sich von selbst, dass all jene, die auf absoluten Wahrheiten bestehen, wie Ideologen, Fundamentalisten, Dogmatiker und Positivisten die Fantasie ersticken.

Es steht außer Frage: Alles Denken, das Neues schafft, bedarf der Fantasie. Sie macht uns zum Schöpfer wie Entdecker von Welten. Mit ihrer Hilfe vermögen wir nicht nur, über uns selbst hinauszudenken, sondern uns auch empathisch in andere hineinzuversetzen. Fantasie ist unverzichtbar zur Weltaneignung und -gestaltung, der mikrokosmischen eigenen wie der gesamtgesellschaftlichen makrokosmischen. Durchaus im Sinn von Joseph Beuys’ meist malträtiertem Anspruch, nach dem jeder Mensch dank seiner Fantasie ein Künstler sei. Also: Mehr Mut zur Fantasie!

Eva-Maria Reuther im OPUS Kulturmagazin Nr. 80 (Juli / August 2020) für das Schwerpunktthema Fantasie

Die Geschichte der Wünsche

von Michael Ende, aus Das Schnurpsen Buch

In die fröhliche Stadt der Kinder
kamen drei Zauberer einst:
Der erste hieß Borstenbinder,
der zweite Siebenzylinder
und der dritte Wasdunichtmeinst.
Sie zauberten hier und sie zauberten dort
manches Stücklein in bunter Gestaltung.
Und die Kinder dankten mit freundlichem Wort
für die lustige Unterhaltung.
Doch manches fragte sich heimlich dabei:
Sind sie gut oder böse, die seltsamen drei?
Man weiß es oft nicht.

Als der Tag der Abfahrt gekommen,
baten die Zauberer früh,
ehe sie Abschied genommen,
die Kinder zum Marktplatz zu kommen.
Und dies verkündeten sie:
„Wir sind eurer Freundlichkeit eingedenk,
ihr zolltet den Künsten Verehrung.
Drum bieten wir euch als Abschiedsgeschenk
eines einzigen Wunsches Gewährung.
Dieser Wunsch, den ihr sagt – sei er groß oder klein – wird im selben Moment euch erfüllet sein.”
Was sagst du dazu?

Da berieten die Kinder sich lange,
was am besten zu wünschen sei;
denn wie schlau man’s auch immer anfange,
sobald man das eine erlange,
sei’s mit allem andern vorbei!
Darum sprachen sie schließlich zu den drei Herrn:
»Verzeiht, wenn wir allzu viel wagen!
Unser einziger Wunsch ist: Wir möchten gern,
dass jeder Wunsch, den wir sagen,
sofort sich erfüllt.” – „Ihr habt es begehrt”,
so sprachen die dreie, „es sei euch gewährt!”
Da staunst du nun wohl!

Dann zogen sie fort mit dem Wagen.
Die Kinder der Kinderstadt
fingen an sich voll Neugier zu fragen:
Ob ein Spruch, den drei Zauberer sagen,
so mächtige Wirkung hat?
Sie probierten es aus, erst heimlich noch zwar –
und staunten ganz unaussprechlich:
Jeder Wunsch, den man sagte – ganz gleich, was es war –
ging sogleich in Erfüllung, tatsächlich!
Und die Kinder riefen voll Übermut:
„Da sieht man’s – die Zauberer waren gut!”
Das ist doch ganz klar!

Ihr könnt euch wohl selber denken,
was nun für ein Wünschen begann:
Der wollte ein Auto zum Lenken,
der andre zehn Reiseandenken,
der Dritte ‘nen Hampelmann,
Spielzeug und Kuchen und Eisenbahn,
Samt und Seide und Felle,
Schlittschuhe, Kaugummi, Kreisel und Kran,
goldene Kronen und Bälle,
Puppen und Bücher und Kram und Trara:
Was man nur wünschte, sofort war es da!
Das möcht’st du wohl auch?

Das war schon ein Jahr so gegangen
und der Zauber hielt immer noch an!
Die Kinder begannen zu bangen,
denn kann man stets alles erlangen,
verliert man die Freude daran.
Und sie wünschten sich weniger Tag für Tag:
Alles kriegen ist unausstehlich!
Und wenn einer sich gar nichts mehr wünschen mag,
dann macht ihn auch gar nichts mehr fröhlich.
Die Kinder saßen mit traurigem Blick
unter all ihren Schätzen – im Missgeschick.
Das glaubst du wohl nicht?

Da schickten sie Fährten-Finder
in die weite Welt hinein,
zu suchen Herrn Borstenbinder
und den andern, Herrn Siebenzylinder,
und Herrn Wasdunichtmeinst obendrein,
und sie sollten bestellen: „Nehmt’s wieder, dies Glück!
Unsre Freude ist dadurch verschwunden.”
Doch die Boten, sie kamen einzeln zurück,
hatten nirgends die dreie gefunden.
Da klagten die Kinder: „Dass Gott uns erlös!
Und jetzt wissen wir’s erst: Die drei waren bös!”
Das denkst du doch auch?

Und Verzweiflung beschlich sie im Stillen.
Da ergriff eins der Kleinsten das Wort:
„Wenn sich all unsre Wünsche erfüllen,
dann wünschen wir einfach mit Willen
die Wünsche-Erfüllung fort!”
Sie befolgten den Rat und von Stund an war
wieder spannend das Leben und heiter.
Die Kinder war’n froh wie vor Tag und Jahr
und vielleicht gar ein wenig gescheiter.

Nur eine Sache wüsst ich noch gern:
Waren gut oder bös die drei seltsamen Herrn?
Sag, was meinst du?