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Medea in den Startlöchern

Nach gut drei Monaten Pause für die Teilnehmer*innen ist es jetzt endlich wieder soweit: unser Projekt „Medea – Reflections“ steht in den Startlöchern. Für alle, die nicht abwarten können, haben wir hier ein erstes Update:

Was ist der Medea Mythos?
Medea gehört zu den bekanntesten mythologischen Figuren aus der Antike. Ihr Mythos ist direkt verbunden mit der Argonautensage: Jason zieht mit dem Who is Who der griechsischen Helden aus, um das „Goldene Vlies“ aus Kolchis zu erobern, um damit in seiner Heimat Jolkis zum König ernannt zu werden. Das Unterfangen ist eine böse List seines Onkels, denn das „Goldene Vlies“ ist so gut bewacht, dass jeder Held, der es König Aiteas aus Kolchis abluchsen wollte, gescheitert ist und seien Tod fand. Weil es so berühmt ist steigt das gesamte Heldenuniversum der Antike mit auf das Boot (die „Argo“) und segelt nach Kolchis. Mit dem Eintreffen in Kolchis beginnt die eigentliche „Medea“ Sage.

Worum geht es bei Medea?
Inhaltlich ist die Geschichte schnell erzählt: Medea hilft Jason, das Vlies zu ergattern, ringt ihm jedoch den Schwur ab, sie bis an sein Lebensende zu beschützen. Zurück in Jolkis werden sie jedoch erneut vertrieben und müssen in das Exil nach Korinth. Hier entzweien sich Jason und Medea zunehemend, denn Jason orientiert sich immer mehr Richtung Palast und die korinthische Königstochter Kreusa. Am Ende soll Medea verbannt werden. Die, die verraten wurde, übt Rache und je nach Version sterben am Ende eine ganze Menge Beteiligte – inklusive der gemeinsamen Kinder. Bei Euripides bringt Medea diese selber um und geht daher in die Literatur als „Mutter, die ihre Kinder ermordet hat (Kindermörderin)“ ein.

Welche Medea-Version spielt KjG Theater?
Unsere Medea Version ist eine vollständige Eigenentwicklung – angepasst auf unsere Gruppe. Inspriert von der Sage und sicherlich auch inspiriert von Christa Wolfs „Medea – Stimmen“ sind es Medeas Erinnerungen an die Zeiten, die hinter ihr liegen. Ausgangspunkt ist dabei die Zeit ihrer Verbannung.

Welchen Schwerpunkt hat „Medea – Reflection“?
Wie immer wollen zur allererst eine spannende Geschichte erzählen. Aber natürlich wird unsere Medea auch inhaltlich: insbesondere das Leben „als Fremde“ steht im Mittelpunkt der Betrachtung und die Konflikte und Probleme der Menschen, die für gewöhnlich in zweiter und dritter Reihe stehen. Aber unsere Medea hat noch viel mehr, über das nachgedacht und philosophiert werden kann, so dass wir hoffen, dass es nicht nur ein spannender, sondern auch ein anregender Theaterabend wird.

Auf welche Figuren dürfen wir uns freuen?
Eine Übersicht aller Figuren findest du hier. Spannend sind dabei vor allen Dingen Figuren, die typisch nicht im Rampenlicht einer Medea Erzählung stehen.

Was verspricht die Inszenierung?
Grundlegende Ideen und Konzepte sind natürlich schon da. Aber wir lassen uns immer auch von den Schauspieler*innen inspririeren! Die Bühne wird breit, sehr breit, und wir nutzen auch die Höhe der Josephs-Kirche. Natürlich wird Licht eine besondere Rolle spielen und alle, die schon lange mal wieder gerne Feuer bei uns auf der Bühne sehen wollten, können sich auch freuen.


Eine Kritik zu Till Eulenspiegel

von Leonie Bergmann

Im November hatte ich die Möglichkeit, die Premiere und die Derniere des Stücks „Till Eulenspiegel“ vom Kjg Theater in Duisburg zu sehen.
Die Länge des Stücks hat einiges an Aufmerksamkeit eingefordert, weshalb es vorteilhaft war, zwei Vorstellungen gesehen zu haben, in denen ich mich auf viele Aspekte konzentrieren konnte. Das minimalistische Bühnenbild in der großen Kirche hat direkt die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es wurde mit Flachbildfernsehern gearbeitet, die das Bühnenbild, mit den auf ihnen gezeigten Eindrücken, vervollständigt haben. So wurden sie z.B für die Kirchenszene oder auch für den Weg durch den Wald eingesetzt. Dieses Element konnte für mich mit professionell inszenierten Bühnenbildern mithalten. Ebenso waren die Kostüme authentisch und dem Zeitgeist des Stückes angepasst.
Die Inszenierung hat sich einen Rückblick in das Leben von Till Eulenspiegel, einem gewieften Meister des Unfugs, zum Ziel gesetzt. Dieser wurde in, wenn auch sehr langatmigen Szenen, für Fans sowie Neulinge in der Welt des Till Eulenspiegels, eindrucksvoll dargestellt. Den Rollen wurde Charakter verliehen, indem sie Eigenheiten zugesprochen bekamen, z.B wie dem Meister des Badehauses ein komisches kurzes „hehe“ als Lachen. Die Besetzung war ebenfalls weitestgehend gut gewählt. Da wäre natürlich die Rolle des Till Eulenspiegels, die mit sehr viel Text und Interaktionen mit den verschiedensten Charakteren, eine besondere Herausforderung war. Die „größeren“ Rollen haben mich von der Besetzung insgesamt sehr überzeugt, jedoch gibt es ein paar Aspekte im großen Ganzen, die ich kritisch betrachten möchte.
Da wäre die Kirchenszene, in der „unberührte Mädchen und treue Ehefrauen“ gebeten werden, Geld für die Kollekte zu spenden. Mir ist bewusst, dass dieses Märchen aus einer anderen Zeit stammt und genau diese Zeit auch die Erzählzeit ist. Ich finde es jedoch unter heutigen Umständen unpassend, Sätze zu reproduzieren, in dem der Wert einer Frau anhand ihrer „Unberührtheit/Treue“ gemessen wird, sodass diese nicht eine „Schande“ für ihren Mann darstellt. Besonders im Laientheater stehen dem/der Regisseur*in viele Freiheiten offen, ein Stück nach ihrem Belieben zu inszenieren und grade auch jungem Publikum Werte zu vermitteln. Deshalb sollte man sich dies auch zunutze machen. Besonders im Theater kann die Reproduktion solcher Themen, nicht ohne eine Auflösung/moralische Stellungnahme gezeigt werden. In dieser Szene gab es für mich eine unpassende Rollenverteilung, eine vergleichsweise junge Schauspielerin, ein junges Mädchen, spielt in dieser Szene die Ehefrau eines Mannes, der sie bittet zu spenden, damit sein Ruf nicht ruiniert wird. Auch wenn wir uns in diesem Stück in einer anderen Zeit befinden und gespielte Welt und reale Welt nicht übereinstimmen müssen, finde ich eine möglichst geringe Distanz zwischen dem gespielten Alter und des Spieler*innen Alters sehr wichtig.

Zuletzt möchte ich noch die Einbindung des Publikums erwähnen, dies ist immer etwas gewagt. Denn entweder haben die meisten Leute Spaß daran oder es entsteht ein Bruch, der das Publikum auf mitunter unangenehme Weise aus dem Betrachten des Stücks heraus reißt. Für mich war leider Letzteres der Fall. Es kann aber auch als kleiner „Erfrischer“ ausgelegt werden, um die Zuschauer*innen vor dem Ende des Stücks nochmal selbst als Teil der Welt des Till Eulenspiegels fühlen zu lassen.

Trotz oben genannter Kritikpunkte, würde ich mir das nächste Stück des Kjg Theaters ebenfalls ansehen, da der Enthusiasmus der Spieler*innen und die Fähigkeit die Zuschauer*innen in eine andere Welt mit zu nehmen, auf mich überzeugend wirken.

Neuanfang!

Neuanfang.
Für KjG Theater findet Neuanfang jedes Jahr aufs Neue statt.
Mit jeder neuen Projektphase findet sich die Gruppe neu.

Neue Menschen kommen hinzu.
Andere pausieren ihr Schauspieler:innen-Dasein.
Wieder andere hören komplett auf.
Neue Rollen werden vergeben.
Neue Bühnen entstehen.

Neuanfang.
Jahr für Jahr.

In dieser Saison ist es ein ganz besonderer Neuanfang.
KjG Theater fängt mit uns – der Jugendkirche TABGHA – neu an.
„Das Erbe des Till Eulenspiegel“ ist das erste Projekt, seit dem Umzug der Jugendkirche TABGHA, welches hier in Duisburg in der St.Josephs Kirche am Dellplatz stattfindet.
Neuer Ort.
Neue Menschen.
Neue Chancen.
Neue Herausforderungen.
Alles irgendwie neu.
Der Neuanfang könnte nicht deutlicher sein.

Wir vom Team der Jugendkirche TABGHA freuen uns, dass KjG Theater hier ist,
dass wir KjG Theater zu diesem Projekt wieder in unserer Kirche begrüßen dürfen.

Liebes KjG Theater, wir freuen uns auf Euch!
Weil Ihr Immer etwas mitbringt.
Etwas worauf die Jugendkirche TABGHA nicht verzichten kann.
Ihr seid diejenigen, die Bühnen bauen. Tage lang. Gefühlt unermüdlich.
Und mit dem was Ihr baut, verzaubert Ihr dann Euer Publikum!
Ihr seid diejenigen die etwas mitbringen, ohne das TABGHA nicht sein könnte.
Ihr prägt und gestaltet TABGHA.
Mit all dem was Euch ausmacht – seid Ihr Teil von TABGHA!
Und als Teil von TABGHA spüren wir, dass da etwas Besonderes in der Luft liegt, wenn Ihr hier seid.
Wir werden gemeinsam mit euch „satt“.
Dabei meinen wir jenes „satt“ werden, welches Gott spürbar macht.
Weil etwas passiert, das Worte, wenn überhaupt, nur schwer erklären können.
Mit Euch haben wir die Möglichkeit entführt zu werden – in andere Welten.
In andere Welten, die uns doch so viel von unserer Welt lehren.
Und das Erleben wir durch Euch.
Durch das, was Ihr auf die Bühne bringt.
Durch das Gefühl, welches uns überkommt – manchmal ganz unerwartet.
Durch das Einbringen der Talente jedes und jeder Einzelnen von Euch.
Großartig!

Also, liebes KjG Theater:
Es ist wunderbar, dass Ihr uns wieder mit in Eure Welt entführt.
Dass ihr den Neuanfang mit uns wagt.
Lasst uns diesen Neuanfang genießen und auskosten!!

Euer TABGHA-Team
Jessi, Stephan, Frauke und Michele

Freak now!

Der Titelsong von „Das Erbe des Till Eulenspiegel“ ist Jeremy Loop‘s „Freak“. Das Wort „Freak“ kann man in seiner ursprünglichen Bedeutung auch gut mit „Narr“ übersetzen: Freak, der: Person, die sich nicht ins normal bürgerliche Leben einfügt, die ihre gesellschaftlichen Bindungen aufgegeben hat, um frei zu sein.
Jeremy Loop hat seinen Song offenbar genau für unser Stück geschrieben:

We were watching TV getting wasted
Way down in the basement
Hanging out loose and shameless
They‘re up on the top of skyscrapers
Thinking that they‘re ageless
Talking loud pretending like they made it
If you drink champagne on a private plane
Doesn‘t mean to say you‘re baller
Maybe you‘re just falling down
I don‘t want your girls
I don‘t want your world at all

No, so
I‘m a freak now (freak now)
That‘s the way I‘m living, till they carry me out
I‘m a freak now (freak now)
Long as I‘m still breathing they‘ll be hearing me shout
Come on, so come on

Out there super yachting with their fake friends
Trying to keep it entré
Making fun of anyone who‘s different
We don‘t need that kind of entertainment
Dappin‘ hollow vain shit
Rather show me love and not your bracelets
If you drink champagne on a private plane
Doesn‘t mean to say you‘re baller
Maybe you‘re just falling down
I don‘t want your girls
I don‘t want your world at all

No, so
I‘m a freak now (freak now)
That‘s the way I‘m living, till they carry me out
I‘m a freak now (freak now)
Long as I‘m still breathing they‘ll be hearing me shout
Come on, so come on

They say the greatest things in life are free
And I believe, I believe, I believe it
And I don‘t wanna float in your debris
You know the greatest things in life are free
Let‘s believe, let‘s believe, let‘s believe it
So come and watch the sunset with me

I‘m a freak now (freak now)
That‘s the way I‘m living ‚till they carry me out
I‘m a freak now (freak now)
Long as I‘m still breathing they‘ll be hearing me shout
Come on, so come on
So come on, come on

Lied geschrieben von Jeremy „Jeremy Loop“ Hewitt, Motheo Moleko, Jonathan Hugh Quarmby, Fiona Bevan

Der Till Eulenspiegel Gedenkstein

Es gibt einige Städte, die in Europa der Figur Till Eulenspiegel gedenken. In Deutschland beansprucht die Stadt Mölln in Schleswig Holstein nicht weit von Hamburg, die Till Eulenspiegel Stadt zu sein. Das älteste Monument der Möllner Eulenspiegelverehrung ist ein Bildstein. 

Dieser befindet sich in einer Nische des Turmes der Stadtpfarrkirche St. Nicolai. Der Rat gab ihn 1544 in Auftrag. Der unbekannte Bildhauer verwendete die Rückseite einer Marienstele aus Gotländer Kalksandstein. Die Figur des Schalksnarren war ursprünglich grün, rot und gelb gefaßt. Die mittelniederdeutsche Inschrift hat der Bildhauer ohne Verständnis der Reimenden von einem Vorläufer wohl des 15. Jahrhunderts übernommen. Dieser ältere „Grabstein“ wird im Buch von »Thyl Vlenspiegel« beschrieben – er zeigte nur Eule und Spiegel. Seine Existenz wurde 1536 von einem Reisenden bestätigt. Der erhaltene Stein trägt die Inschrift:

Anno 1350is dusse
steen upgehaven und
Tyle ulen spegel lenet
hier under begraven.
Marcket wol und
dencket dran. wat
ick gwest si up eren.
All de hir vor aver
gan. moten mi
glick weren.

Um die Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, betont die Inschrift, der Stein sei schon im Jahre 1350, dem Todesjahr Eulenspiegels, angefertigt worden. Der zweite, sechszeilige Teil kann sowohl als allgemeines memento mori (= auch die Lebenden werden dereinst den Toten gleich!) gesehen werden, als auch – wie in unser Inszenierung – als Aufforderung gesehen werden, es diesem eindrucksvollen Narren bei seiner Lebensphilosophie gleich zu tun.

Quelle: https://www.moelln-tourismus.de/poi/eulenspiegel-gedenkstein

Raus Hier!

Raus hier! Dies ist nicht meine Kirche. „Ich brauche einen Ort, an dem ich beim Herrn, bei den Menschen und bei mir sein kann.“ Sagt Bruder Anton in unserem Stück, als er sich von Till verabschiedet. Er dreht der Kaiserstadt und dem Erzbischof den Rücken zu, sieht nicht mehr, dass die irdische Kirche seine Werte lebt: Meine Kirche ist eine der Nächstenliebe. Die Kirche des Erzbischof ist mehr an irdischer Macht interessiert denn an der Botschaft des Herrn.

Also probt Bruder Anton den Exit. Raus aus einer Struktur, die ihn mehr an der Ausübung seiner Spiritualität hindert als sie befördert. Bruder Anton wehrt sich dagegen, im Gehorsam gegen seine Überzeugung zu handeln.

Kirche in ihren mittelalterlichen Strukturen kommt in unseren Stücken nicht gut weg. Sei es im „Glöckner von Notre Dame“ oder jetzt auch im „Das Erbe des Till Eulenspiegel“ – Kirche begegnet uns als Spieler im Poker um Einfluss und Macht und leitet dabei in perfider Weise ihren Anspruch von „Gottes Willen“ ab, über den sie sich Interpretationshoheit verschafft hat. Diese Art von Kirche ist offensichtlich weit von dem entfernt, was ihre ursprüngliche Botschaft ist. Zu Dienen statt zu Herrschen, für die Ausgegrenzten da zu sein und nicht nach der Krone zu greifen. Es zeigt, welche Verantwortung kirchliche Würdenträger*innen haben müssten.

Sich eine Kirche zu wünschen, die sich kompromisslos an der Botschaft von Jesus Christus orientiert, scheint selbst dem Narr Till eine zu große Utopie. Trotzdem träumt Bruder Anton sie und will sie leben. Getreu dem Motto, dass auch, wenn er nur ein Tropfen im weiten Ozean ist, am Ende der Ozean eben genau das ist: eine große Ansammlung von Tropfen.
Das ist doch eine ermutigende Botschaft.

Freak Now! – Frohe Ostern!

Frohe Ostern! „I am a freak now“ – Jeremy Loops besingt in „Freak now“ die Sinnhaftigkeit des Lebens, ganz im Sinne von „Till Eulenspiegel“, wie wir finden. Und wir freuen uns heute euch den Song und das coole Video vorzustellen und wünschen euch allen zu Ostern, mehr Narr zu sein – und nicht zu vergessen, dass die besten Dinge im Leben kein Geld der Welt kosten!

We were watching TV getting wasted
Way down in the basement
Hanging out loose and shameless
They’re up on the top of skyscrapers
Thinking that they’re ageless
Talking loud pretending like they made it

If you drink champagne on a private plane
Doesn’t mean to say you’re baller
Maybe you’re just falling down
I don’t want your girls
I don’t want your world at all
No
So

I’m a freak now (freak now)
That’s the way I’m living ‚till they carry me out
I’m a freak now (freak now)

Long as I’m still breathing they’ll be hearing me shout
Come on, so come onOut there super yachting with their fake friends
Trying to keep it entré
Making fun of anyone who’s different
We don’t need that kind of entertainment
Dappin‘ hollow vain shit
Rather show me love and not your bracelets

If you drink …

Weitere Gedanken zum Stück findest du hier:
Mittelalterliche Soap?
Narren sagen, was die Klugen denken
Freak Now!

Narren sagen, was die Klugen Denken

Till’s „Karriere“ als außergewöhnlicher Gaukler oder Narr verdankt er seiner ausgesprochenen Beobachtungsgabe und seinem sprachlichen Talent. Till ist offensichtlich hochbegabt und kann schneller als sein Umfeld Situationen nicht nur erfassen, sondern diese eben auch beeinflussen. Immer wieder haut er eine „Wahrheit“ nach der anderen raus – kurze, prägnante Sätze, die man als „Aphorismus“ bezeichnet.

Aphorismen sind einzelne Gedanken, Urteile oder eben Lebensweisheiten, die meist nur aus einem Satz bestehen. Es gibt zwar keine besonderen Regeln zum Bau eines Aphorismus, doch den meisten ist gemein, dass sie aus zwei Satzhälften bestehen und dabei meist polemisch eine Antithese bilden, z.B. Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang.

In unserem Till findest du zahlreiche Aphorismen. Nachstehend ist eine Auswahl derjenigen, die wir am coolsten finden. Und wenn du noch mehr Aphorismen suchst – zu bestimmten Themen – dann schau doch mal hier vorbei – es ist eine fast nicht versiegen wollende Quelle von Aphorismen und Gedichten – von Autor*innen der Antike bis in unsere Gegenwart!

Ruhm ist nur der Beweis, dass die Menschen leichtgläubig sind.
(Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882), US-amer. Geistlicher, Philosoph und Schriftsteller)

Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und nicht den Wert.
Oscar Wilde (1854 – 1900), eigentlich Oscar Fingal O’Flahertie Wills, irischer Lyriker, Dramatiker und Bühnenautor

Abenteuer sucht man nicht, man hat sie!
Manfred Hinrich (1926 – 2015), Dr. phil., deutscher Philosoph, Philologe, Lehrer, Journalist, Kinderliederautor, Aphoristiker und Schriftsteller

Wer mit Dreck schmeißt, verliert Grund.
(Unbekannt)

Des Lebens große Krankheit ist die Langeweile!
Alfred de Vigny (1797 – 1863), französischer Dichter, pessimistisch-gedankentiefer Romantiker, auch Offizier im königlichen Heer

Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen wird am Ende beides verlieren.
Benjamin Franklin (1706 – 1790), veröffentlichte seine frühen humoristisch-kritischen Essays unter dem Pseudonym Mrs. Silence Dogood, US-amerikanischer Politiker, Naturwissenschaftler, Erfinder und Schriftsteller

Weitere Gedanken zum Stück findest du hier:
Mittelalterliche Soap?
Narren sagen, was die Klugen denken
Freak Now!

Mittelalterliche Soap?

Über die Ursprünge von Till Eulenspiegel in der Literatur

Die im frühen 16. Jahrhundert publizierte Ausgabe des Volksbuchs „Ein kurzweiliges Leben von Till Eulenspiegel“ ist eine Sammlung von bis heute mehr oder minder bekannten schelmischen Streichen des Schalks (oder Narren) Till Eulenspiegel.
Wer sich die Geschichten einmal näher anschaut – oder noch das ein oder andere Kinderbuch über ihn kennt – ist überrascht. Mit teilweise derben Humor und nicht immer den besten moralischen Absichten treibt hier der „Held“ seine Schelmereien. Das erinnert zuweilen an derbe Soaps oder Reality Dokus, die auf eine zotiges Pointe zum Schaden des Betroffenen hinarbeiten, um die nächste Klick-Schallmauer zu durchbrechen. Denn: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!

Das Buch war im 16. Jahrhundert noch ein junges Medium und immer mehr Menschen konnten sich Bücher leisten. Latein wurde zusehends als Leit-Schriftsprache ersetzt, so dass immer mehr Schichten, die Inhalte zugänglich waren. Dass dabei die Zoten und Streiche gut ankamen, scheint mehr als verständlich. Waren dies doch angenehme Ablenkungen zu den meist strikten religiösen Geschichten. Schon schnell wurde das Buch in mehrere Sprachen übersetzt und avancierte zum Blockbuster des jungen Mediums Buch.

Heute scheinen die Streiche wie aus einer anderen Welt – und doch spielen sie immer wieder mit den Mechanismen, die uns „moderne Menschen“ auch zum Lachen bringen, wenn wir Zuschauer*innen und nicht Betroffene sind. Seit der Wiederentdeckung des Volksbuchs und dem Beginn einer Kinder- und Jugendbuchkultur im deutschen Verlagswesen gibt es weit über hundert meist illustrierte Adaptionen des Stoffs gibt, die den Inhalt des Originals sprachlich modernisieren, inhaltlich kürzen und neu akzentuieren. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Verfilmungen , Theaterstücke und sogar sinfonische Dichtungen (Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss)

Nicht erst durch Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“ aus dem Jahre 2017 gab immer wieder Interpretationen, die „Das Leben des Till Eulenspiegel“ als Folie für Erzählungen von gesellschaftlichen Umbrüchen genutzt haben – und sich damit deutlich vom Original-Genre Schwank distanzieren.

Und jetzt ist es also „unser Stück – in deiner Welt“. Auch wir haben versucht, aus Till ein zeitgemäßes Stück zu machen, das dabei dem schelmigen Charakter des Originals ebenso gerecht wird, wie unserem Anspruch mit und durch Theater auch immer wieder und wichtige Inhalte zu vermitteln. Und irgendwie ist dieses gewagte Lebens-Motto des Till Eulenspiegel, der nie richtig etwas plant, sondern sich treiben lässt und ein Meister der Improvisation ist, wie gemacht für eine Zeit, die unsere Pläne im Wochentakt zerschreddert werden. Also halten wir es mit unseren Till: „Die Sorgen kommen früh genug zurück, jetzt lass uns das Hier und Jetzt genießen“!

Weitere Gedanken zum Stück findest du hier:
Mittelalterliche Soap?
Narren sagen, was die Klugen denken
Freak Now!

Anstiftung zum Widerstand

Ein spirtueller Impuls zum „Der Glöckner von Notre Dame“ von Sonja Angelika Strube aus Frau und Mutter 10/2020

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.
Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen! […] Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.
Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrückenund ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondernbum zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Mk 10, 35 – 45

Ausgewählt habe ich einige Verse aus dem Markusevangelium (Mk 10, 35 -45), die Kirche und Gesellschaft herausfordern. Auch dem Evangelium selbst scheinen diese Verse besonders wichtig gewesen zu sein, denn gleich zweimal kurz hintereinander wird geschildert, dass Jesus die Zwölf über das Dienen belehrt: „Wer unter euch der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“

Auf den ersten Blick könnte dies wie eine Aufforderung wirken, negativ über sich selbst zu denken, sich zu zerknirschen, klein zu machen und zu demütigen. Welches befreiende Potenzial, gerade für Frauen, sollte von so einem Satz ausgehen? Tatsächlich jedoch birgt dieser Satz sehr viel Sprengkraft: Er de- legitimiert die Macht der Mächtigen und stellt die patriarchale Herrschaftsordnung seiner Zeit infrage.
Die Szenerie, die das Markusevangelium schildert, ist folgende: Mit seinen Jüngern – und Jüngerinnen, wie wir später in Mk 15,40f erfahren – befindet sich Jesus auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem. Diesen Weg nutzt Jesus, um den engsten Kreis einzuweihen in den Sinn seines Leidens, das Geheimnis seiner Auferstehung und das Wesen wahrer Nachfolge. Manche Belehrungen ergehen an alle Jünger und Jüngerinnen, manche nur an einige. Die Belehrungen über das Dienen richten sich ausdrücklich an die Gruppe der zwölf namentlich genannten Männer, die Jesus zu Beginn seines Wirkens in die Nachfolge gerufen hat (Mk 3,13-19). In Jesu Abwesenheit hatten sie unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer unter ihnen der Größte sei. Ihrem Miteinander-Konkurrieren und ihrem Streben nach Dominanz aber erteilt Jesus eine klare Absage. Mehr noch: Ein machtloses Kind stellt er ihnen als Vorbild vor (9,33-37).

Doch nur kurze Zeit später wiederholt sich die Szene geradezu. Nun erbitten Jakobus und Johannes das Vorrecht, in Jesu Herrlichkeit die Ehrenplätze einnehmen zu dürfen (10,35-40). Ein zweites Mal muss Jesus mit fast gleichlautenden Worten ihnen und den übrigen zehn erklären, dass die Maßstäbe Gottes andere sind als die der Mächtigen der Welt (10,41-45). Mit wenigen Pinselstrichen stellen diese Worte ihren antiken Hörerinnen und Hörern die damals geltende hierarchische Gesellschaftsordnung wie eine „Herrschaftspyramide“ vor Augen: Ganz oben stehen die Herrscher, die ihre Macht willkürlich einsetzen können, ohne sich an Recht und Gesetz zu halten, direkt darunter „ihre Großen“, die vor Ort Gewaltherrschaft ausüben. Ganz unten in der Herrschaftspyramide stehen die Diener und Sklaven – noch weiter unten die Dienerinnen und Sklavinnen. Ganz unten standen damals auch die Kinder. Das Kind, das Jesus in die Mitte stellt, ist also nicht Sinnbild für „kindliche Unschuld“, kindliches Vertrauen oder gar Frohsinn und Leichtigkeit, sondern für Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit.

Mit ihm stellt Jesus die Kleinen, Ohnmächtigen und Bedeutungslosen ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Wenn Jesus fordert „bei euch aber soll es nicht so sein“, sagt er damit: Genau diese weltliche Herrschaftspyramide soll unter Jesusnachfolgern und-nachfolgerinnen nicht gelten. Die, die nach Dominanz streben, sollen sich nach ganz unten begeben. Die, die in der Gesellschaft wenig gelten, sollen unter Christen und Christinnen viel gelten. Vorbild dieser Haltung ist Jesus selbst: Er, der bei Gott so angesehen ist, dass ihm „die Engel dienen“ (wie Mk 1,13 erzählt), ist gekommen, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld zu geben. Radikaler kann man eine Herrschaftspyramide nicht auf den Kopf stellen.

Während es die Zwölf (auch als Repräsentanten späterer Gemeindeleiter) offensichtlich nötig haben, überdas Dienen belehrt zu werden, sagt das Evangelium über die Frauen in der Nachfolge Jesu ausdrücklich, dass sie einfach verwirklichen, was Jesus gerade von den Mächtigen und Dominanten verlangt: Sie folgen Jesus nach und dienen ihm (Mk 15,40f).

Die Jüngerinnen, die Jesus bis zum Kreuz begleiten, als sich die Zwölf schon längst feige aus dem Staub gemacht hatten, sind Vorbilder wahrer Nachfolge – ebenso wie schon zu Beginn des Evangeliums die Schwiegermutter des Simon Petrus (Mk 1,31).

Grund genug, danach zu fragen, was es heute für uns Christinnen und Christen zu bedeuten hat: für unser Engagement inmitten einer immer noch und immer wieder machtbesessenen Welt, mit Blick auf gewalttätigen und auf strukturellen Rassismus, auf Flucht und Vertreibung, auf einen rasant fortschreitenden menschengemachten Klimawandel, der gerade die Armen der Welt noch mehr an den Rand drängt. Grund genug auch, danach zu fragen, was es zu bedeuten hat für die Strukturen unserer Kirche.