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Die Theatersaison kommt näher

In weniger als 100 Tagen spielen wir wieder für euch. Wir sind gerade von unserer Theaterfahrt zurück und die Vorfreude auf das Stück wächst von Probe zu Probe!

Ab dem 22.08. kannst du deine Kartenreservierung für die Vorstellungen vornehmen!

Erstmalig seit 2010 erhöhen wir unsere Preise leicht auf 7,50 EUR, wobei es immer noch einige Karten zu 5,00 EUR gibt (im sichteingeschränkten Bereich). Die Anpassung war nötig, da wir einen Partner verloren haben und die Inflation auch bei uns keinen Halt macht.

Es gibt noch ein paar Besonderheiten, die wir schon verraten können:

  • Das Stück dauert ca. 95 Minuten und hat keine Pause!
  • Wie im letzten Jahr, gibt es auch in diesem Jahr einen eigens komponierten Soundtrack für Orpheus!
  • Dich erwartet keine einzelne Geschichte, sondern sieben Kurz-Geschichten (unsere Shorts), die alle miteinander und mit Orpheus verbunden sind.
  • Mit dabei ist alles: von der Satire, über die Tragi-Komödie, vom Kammerspiel bis hin zum psychologischen Drama! So divers unsere Shorts erscheinen – sie alle verbindet das, was wir das „Orpheus-Prinzip“ genannt haben!

Mehr zu den sieben Shorts erfährst du hier in Kürze. Und wenn du schon einmal den Hintergrund zum „Original“ haben möchtest, findest du hier eine 2026 Version von Vergil, dem römischen Dichter der Orpheus & Eurydike Sage!

Letztes Projekt für 2027 angekündigt!

Es werden 20 Jahre gewesen sein, wenn der letzte Vorhang über KjG Theater im November 2027 fällt. Was mit einem kleinen Piloten („Die Engelsbande“) im späten Herbst 2007 begonnen hat ist heute eine Theatergruppe mit beachtlicher spielerischer Qualität. Viele haben als Kinder angefangen und sind nun Erwachsene im oder am Anfang ihrer Berufskarriere.

Die Teilnehmenden über diesen langen Zeitraum begleitet haben zu dürfen, ist ein großes Privileg gewesen. Aber in jedem Anfang ist auch immer schon das Ende enthalten. So blicken wir voller Dankbarkeit auf großartige Projekte in den letzten zwei Jahrzehnten zurück.

Als letztes Stück spielen wir Coffee To Go 2. 2009 war Coffee To Go das erste „eigentliche“ KjG Theater Stück nach den zwei Pilotprojekten. Erstmals im Gemeindesaal Liebfrauen wurde der Stil und der Spirit der Gruppe deutlich. 20 Jahre später gehen wir zurück zum „Café Sahne“ und lassen uns überraschen, wie eine deutlich ältere Gruppe dieses Stück noch einmal neu interpretiert.

Zuvor könnt ihr aber in diesem Jahr unsere Orpheus Shorts sehen! Verpasst also nicht unser großes Gruppenfinale – wir freuen uns schon jetzt auf November!

Kennst du Orpheus?

Kennst du Orpheus? Hast du schon einmal etwas von ihm gehört? Vielleicht von seiner berühmten Fahrt auf der Argo nach Kolchis, um mit Jason das Goldene Vlies zu erobern?
Vielleicht davon, dass Flüsse ihre Wege ändern, Felsen zu weinen beginnen, die Götter im Olymp lauschen wenn er singt?
Vielleicht hast du auch gehört, dass er das Tieropfer für die Götter abgelehnt hat.

Aber bestimmt hast du von Eurydike und ihm gehört – jener herzzerreißenden Geschichte, in der Orpheus seine geliebte Frau durch einen Schlangenbiss verlor und er sich aufgemacht hat in den Hades, um sie zurückzuholen. Was eigentlich keinem Sterblichen gelingt, gelingt ihm. Weil er durch seine Musik den gesamten Hades anrührt und Persephone, die Herrin der Schatten und Hades, der Herr der Unterwelt, geben Eurydike frei, wenn, ja wenn Orpheus sich nicht umblicke.

Natürlich kommt es anders. Und Orpheus blickt sich um und verliert Eurydike für immer.

Aber warum blickt er sich um? Oder war Eurydike nie wirklich hinter ihm? Hat er nur verstanden, dass dieser Verlust endgültig ist?

Sehnsucht und Verlust – das sind die beiden Themen dieser von Vergil geprägten Sage.
Unerträglicher Verlust. Unerfüllbare Sehnsucht.

Sieben Geschichten erzählen wir. Sieben Geschichten von Künstler:innen. Von deren unerfüllbarer Sehnsucht. Und von unerträglichem Verlust. Immer anders: mal satirisch, mal tragikomisch, mal dramatisch. Und doch immer gleich.

Siehst du hin, Orpheus?

Neues Projekt „Orpheus Shorts“ startet!

Der römische Dichter Vergil hat mit „Orpheus und Eurydike“ wohl die bekannteste Interpretation des Orpheus-Stoffs verfasst. Der Prototyp des Musikers, Orpheus, verliert seine Partnerin Eurydike aufgrund unglücklicher Umstände. Seine Trauer ist so groß, dass er selbst in das Reich der Toten hinabsteigt und Hades und Persephone, die Hüter der Unterwelt, bittet, sie freizugeben.

Der Wunsch wird ihm gestattet – unter der einen Bedingung, dass er nicht zurückblicken dürfe, bevor er wieder im Diesseits angekommen sei. Kurz vor dem Ziel blickt sich Orpheus jedoch um, und …

Vergil beschreibt eine zutiefst menschliche Erfahrung: Unerfüllte Sehnsucht und unerträglicher Verlust sind die Schlüsselmotive seiner Orpheus-Sage.

KjG Theater nähert sich dem Stoff auf ungewöhnliche Weise: In sieben Shorts werden Kurzgeschichten erzählt, denen das „Orpheus-&-Eurydike-Prinzip“ zugrunde liegt. Es sind Geschichten von Künstler:innen, die einen unerträglichen Verlust erleiden oder erlitten haben – und aus diesem Verlust eine unerfüllte Sehnsucht.

In gut 90 Minuten wird die Sage so aktuell und greifbar. Die Shorts sind stilistisch unterschiedlich: Von der Satire bis zum psychologischen Drama ist an diesem Theaterabend alles dabei.

Die Probenarbeiten haben in diesem Monat begonnen und in den nächsten Wochen und Monaten setzten wir uns daran, euch erneut einen unvergesslichen Theaterabend zu bereiten!

Vielen Dank!

An unsere 1.100 Zuschauer:innen, dass ihr mit uns nach Phantásien gereist seid. KjG Theater geht jetzt in die Spielpause – ander das nächste Projekt (Orpheus) ist bereits in der Vorbereitung. Demnächst erfahrt ihr mehr auf unsere Homepage.

Euch allen eine besinnliche und friedliche Vor- und Weihnachtszeit!

Wichtige Informationen für Besucher:innen

Wir sind bereit für euch! Eine spannende und aufregende Probenzeit geht zur Neige und wir können es kaum noch erwarten, euch unser Stück endlich zu zeigen.

Vor deinen Besuch gibt es einige wichtige Hinweise, die du hier finden kannst. Darüber hinaus beachte bitte:

  • Bitte sei bis spätestens 10 Minzten vor Beginn vor Ort. (Einlass in die Jugendkirche ist ab ca. 45 Minuten vor Beginn.)
  • Der Zugang zur Jugendkirche findet durch den Seiteneingang gegenüber dem Webster/Filmforum statt.
  • Aufgrund der urheberrechtlichen Bestimmungen ist das Fotografieren und Filmen dieser Vorstellung nicht gestattet. 
  • Vor Ort stehen unsere Helfer:innen dir bei Fragen gerne zur Seite. Du erkennst sie an den lila Westen
  • Bitte stelle sicher, dass jede:r aus deiner Gruppe eine eigene Eintrittskarte hat, die er vorzeigen kann.
  • Beachte, dass die ersten 10 Minuten der Vorstellung ggf. nur Stehplätze zur Verfügung stehen. Sollte dies für dich nicht möglich sein, wende dich bitte an unsere Helfer:innen vor Ort oder bereits vorab an karten@kjg-theater.de

Kurz zusammengefasst: Die unendliche Geschichte (der Roman)

Bastian Balthasar Bux ist ein zehn- bis elfjähriger, fantasievoller, aber unsicherer Junge. Nach dem Tod seiner Mutter hat sich sein Vater in die Arbeit geflüchtet und schenkt ihm kaum Beachtung. In der Schule ist Bastian ein Außenseiter und wird gehänselt. Auf der Flucht vor seinen Mitschülern versteckt er sich im Antiquariat von Karl Konrad Koreander. Dort entdeckt er ein geheimnisvolles Buch, Die unendliche Geschichte, das er stiehlt und auf dem Dachboden seiner Schule zu lesen beginnt.

Das Buch erzählt vom Reich Phantásien, das vom Nichts bedroht wird. Die Kindliche Kaiserin, Herrscherin Phantásiens, ist schwer krank. Sie beauftragt den Jungen Atréju, ein Heilmittel zu finden. Auf seiner Reise begegnet er vielen Wesen, darunter dem Glücksdrachen Fuchur. Schließlich erkennt Atréju, dass die Kaiserin nur gerettet werden kann, wenn ihr ein Menschenkind einen neuen Namen gibt.

Während Bastian liest, überschneiden sich Realität und Geschichte. Atréju sieht Bastians Bild im Zauberspiegel, und Bastian begreift, dass er der Retter ist. Zunächst zögert er, doch als Phantásien fast verloren ist, gibt er der Kaiserin den Namen Mondenkind. Damit tritt er selbst in Phantásien ein.

Die Kaiserin übergibt Bastian das Amulett Auryn, das jeden Wunsch erfüllt. Doch jeder Wunsch kostet ihn eine Erinnerung an sein Leben in der Menschenwelt. Anfangs wünscht sich Bastian, schön, stark und mutig zu sein, und erschafft damit neue Orte und Wesen. Er gefällt sich in seiner Rolle als Erneuerer Phantásiens, lehnt aber die Rückkehr in seine Welt ab.

Wieder begegnet er Atréju und Fuchur, doch seine wachsende Machtgier, verstärkt durch die Hexe Xayíde, entfremdet ihn von seinen Freunden. Er träumt davon, selbst Kaiser von Phantásien zu werden. Als Atréju versucht, ihn aufzuhalten, kommt es zu einer Schlacht am Elfenbeinturm, in der Bastian Atréju verwundet.

Schließlich gelangt Bastian in die Alte-Kaiser-Stadt, wo Menschen gestrandet sind, die nie den Weg zurückfanden. Dort erkennt er, dass er nur noch so viele Wünsche hat, wie Erinnerungen übrig sind. Um heimzukehren, muss er seinen wahren Willen erkennen. Seine Wünsche führen ihn zu Gemeinschaft, Geborgenheit und schließlich zur Liebe.

Mit Atréjus Hilfe erreicht er den innersten Ort Phantásiens, wo das Wasser des Lebens fließt. Er trinkt davon, findet zu seinem wahren Ich und legt Auryn ab. Er nimmt den Entschluss, das Wasser seinem Vater zu bringen, und kehrt in die Menschenwelt zurück. Obwohl dort nur wenige Stunden vergangen sind, ist Bastian durch seine Reise verändert. Er erzählt seinem Vater von seinen Erlebnissen, und die beiden finden zu einer neuen, liebevollen Beziehung.

Die zentrale Aussage des Romans besteht darin, dass die Reise in die Welt der Phantasie nicht bloße Flucht bedeutet, sondern Quelle neuer Ideen und Einsichten ist. Durch das Träumen und Eintauchen in Fantasiewelten lernen Menschen, die verborgene Schönheit des Alltäglichen neu zu sehen und wertzuschätzen. Michael Ende betont, dass Phantasie an sich weder gut noch böse ist; ihre moralische Bedeutung erhält sie erst durch das Handeln, das aus ihr hervorgeht. Sie kann zu Kreativität, Liebe und Mitmenschlichkeit führen, aber auch missbraucht werden – etwa in Form von Lügen, die Macht und Manipulation erzeugen. Der Roman macht deutlich, dass wahre Wünsche in Gemeinschaft, Verantwortung und Liebe liegen. Nur wenn Phantasie dazu genutzt wird, die Realität bewusst und positiv zu gestalten, erfüllt sie ihren tiefsten Sinn.

Die vorliegende Inhaltsangabe basiert auf dem Wikipedia-Artikel Die unendliche Geschichte tark gekürzt und zusammengefasst (vgl. Wikipedia „Die Unendliche Geschichte (Roman)“ abergufen am 26.09.2025

Nächster Halt: Phantásien!

Gedanken zur Inszenierung von Tom Brill

Die Unendliche Geschichte ist für mich ein Wunschstück gewesen. Kaum ein Buch hat mich in meiner Kindheit mehr fasziniert – und zugleich irritiert. Viele der Bilder haben mich damals überfordert, weil ich sie nicht verstand. Aber das Buch hat in mir nachgehallt.

Begreifen funktioniert mit Kopf oder Verstand. Doch Ende will bewusst nicht (nur) den Geist ansprechen, sondern vor allen Dingen das Herz.

„Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen“

– das ist der zentrale Satz aus seinem Buch Momo (1973). Als ich Die Unendliche Geschichte Jahre später erneut las, hatten die Bilder eine ganz andere Wirkung auf mich. Aber nachgehallt hat es erneut. Und zwar nicht nur auf der intellektuellen Ebene – die Ende gekonnt bespielen kann –, sondern vor allem auf der emotionalen. Natürlich hat mich auch der zentrale Gedanke der verbundenen Welten beschäftigt. In Zeiten, in denen Bilderfluten uns zum Kaufen von Waren bewegen wollen, in Zeiten, in denen wir von Lügen und falschen Versprechen überschwemmt werden, muss man sich selbst schützen, einen Zugang zu seinem ureigenen Phantásien finden – und im besten Fall dabei seinen „wahren Willen“ entdecken.

Mich hat immer beeindruckt, dass die Kindliche Kaiserin nie zwischen Gut und Böse unterschieden hat, weil beide Teile zu der Welt gehören. Weniger bewerten, weniger richten – stattdessen die Qualität der Dinge erleben. Ebenso hat mich beeindruckt, dass Bastian durch seine Reise im echten Leben verändert wurde. Dass die Phantasie nicht etwas ist, das weniger Wert hätte, sondern im Gegenteil: dass gerade die Phantasie der zentrale Antrieb für uns Menschen sein kann. Was für eine Perspektive in Zeiten wie diesen!

Phantásien ist für jede:n Reisende:n anders. Wie schafft man es, Bilder zu zeigen, die Raum für die eigene Vorstellung lassen?
Das war eine der Schlüsselfragen für die Inszenierung. Deswegen ist die Kulisse leer. Es gibt nur wenige Elemente – vieles müssen die Zuschauer:innen selbst hinzudenken. Nehmen wir ein Beispiel: Wie sieht der Glücksdrache Fuchur aus? Wie das Hollywood-Kuscheltier aus der von Ende stets scharf kritisierten Filmfassung? Wie in den großartigen Skizzen und Zeichnungen der vielen Buchausgaben? Oder doch ganz anders?
Wir wollen das nicht vorwegnehmen und bewusst Raum lassen. Wer denkt, dass das weniger aufwendig sei, irrt. Die Kostüme haben uns in diesem Jahr intensiv beschäftigt. Unsere Ressourcen sind als ehrenamtliche Gruppe begrenzt – umso wichtiger war es, gute Kompromisse einzugehen. Natürlich fließen in die Figuren die Vorstellungen der Schauspieler:innen und der Regie – aber es soll Raum für deine Phantasie bleiben.

Und dann: Licht. Und Musik. Sie sind bei unseren Inszenierungen immer wichtig, aber hier vielleicht so wichtig wie nie zuvor. Denn sie unterstützen die Gefühle der Bilder, die wir für euch entwickelt haben. Sie sprechen direkter mit eurer Phantasie, als es Worte je tun könnten.

Was ich mir wünsche? Dass alle einen phantastischen Abend haben – dass wir an diesem Abend alle unsere Kindliche Kaiserin finden.

Die Macht der Fantasie

Als Gottvater in sechs Tagen die Welt erschuf (am siebten ruhte er bekanntlich), benötigte er neben seiner Allmacht und einer soliden Logistik fraglos auch jede Menge Fantasie. Wie er vorging, ist uns als biblische Schöpfungsgeschichte überliefert. Wir glaubten ihr, bis uns Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie ernüchterte und die alttestamentarische Version als Phantasiegebilde entmystifizierte. Diskreditiert sind dadurch allerdings weder die biblische Genesis noch die Fantasie selbst. Wo unsere Erkenntnis endet, setzt notwendigerweise die Fantasie mit ihren Vorstellungen und Ideen ein. Sie ist gleichermaßen schöpferisches Denken wie Deutungs- und Erklärungshilfe der Realität und ihrer Phänomene. „Fantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt. Phantasie aber umfasst die ganze Welt“, folgerte Albert Einstein.

Nackt und unbehaust werde der Mensch geboren, hat Ernst Bloch hochpoetisch wie treffend festgestellt, in eine Hütte, hinter der die Dunkelheit beginnt und in eine Welt, die er zu seinem Zuhause machen muss. Dabei ist er nicht nur auf Arbeit, sondern auch auf Ideen angewiesen. Anders als das von Instinkten gesteuerte und von der Natur überlebensfähig ausgestattete Tier muss sich der Mensch, um zu überleben, seine Welt selbst gestalten, ihr Sinn und Ordnung geben, sie weiterdenken und ihre Vergangenheit verstehen. Dazu besitzt er als einziges Werkzeug sein Gehirn, das nicht nur in der Lage ist, Neues zu lernen, sondern auch kognitive wie sinnliche Erfahrungen als Wissen zu speichern und mittels der Fantasie daraus neue imaginäre Bilder zu formen.

Was daraus entsteht, bestimmt die menschliche Konstruktion der Wirklichkeit, ihre Sinngebung und Wahrnehmung. Fantasie spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie ist „Genius und Teufel“ (Immanuel Kant). Sie macht den Menschen zum Visionär wie zum Wahnsinnigen, schafft selige Träume und Horror- Visionen. Ungeheuer modern klingt Novalis, wenn er feststellt: „Die Fantasie setzt die künftige Welt entweder in die Höhe oder in die Tiefe oder in die Metempsychose (der Wanderung der Seele) zu uns. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“

Fantasie ist für den Menschen somit fundamental. Kein schöpferisches Denken kommt ohne sie aus, nicht einmal in den auf strenge Regelwerke und Fakten ausgerichteten Natur-oder Ingenieurwissenschaften. Dabei entstammen ihre Inspirationen und Bilder keineswegs irgendeiner Beliebigkeit. Mögen sich ihre Vorstellungen noch so weit ins Unendliche hinauswagen, fantastische Universen schaffen und bevölkern, oder tief tauchen, um das Dunkel des Metaphysischen zu erhellen: Was die Fantasie, die ihren Namen vom griechischen Verb „phaino“ (scheinen) hat, als Erscheinungen generiert, bleibt stets in den Speichern unseres Gedächtnisses geerdet.

Was wissenschaftlich längst als gesichert gilt und Traumdeutung und Psychologie beschäftigt, die enge Beziehung zwischen Fantasie und Gedächtnis, ahnte bereits Aristoteles, als er auf die Bedeutung der „memoria“ für die Fantasie hinwies. Nicht jeder war im Laufe ihrer Geschichte der Fantasie zugetan. So hielten die Scholastik und auch Nikolaus von Kues die Fantasie für eine minderwertige Geistestätigkeit. Dagegen war der aufgeklärte Denker Montesquieu überzeugt von der „Macht der Fantasie“. Selbst der misanthropische Arthur Schopenhauer musste einräumen, dass ohne Fantasie nichts Großes zu bewerkstelligen sei. Höchstens in der Mathematik, schränkte der Philosoph ein. Womit er irrte. Und sogar Ludwig Wittgenstein, der einst aller Metaphysik entsagt hatte, musste gegen Ende seines Lebens im Sinne Platons eingestehen, dass der Erscheinung unserer Wirklichkeit womöglich noch ein anderes Sein zugrunde liegt, dem man sich nur mit Hilfe der Imagination nähern kann.

Auch wenn sie jedermann nötig hat, so gilt die Fantasie doch seit jeher als das ureigene Terrain der Künstler. In ihrer Welt der Inspiration und Visionen scheinen bisweilen sogar die Ideen wirklicher zu sein als die Realität. Als Musiker, Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller oder Theatermacher schaffen Künstler alltäglich fantastische Welten, in die sie uns mitnehmen und dabei unsere eigene Fähigkeit zu Fantasie und Metaphorik herausfordern.

Als das Phantasialand der neueren Geistesgeschichte kann die Romantik gelten mit ihrem Hang zum Subjektiven, ihrer Liebe zu Märchen und Mythen, zu Mystik und Groteske, ihrem Horchen in die eigene und der Welt Seele. Als „Fantasiestücke in Callots Manier“ bezeichnete E.T.A. Hoffmann die Texte seines einflussreichen Erstlingswerks.

Auch wenn ihre Bedeutung längst erkannt ist: immer häufiger wird dieser Tage der Verlust der Fantasie beklagt. Neopositivismus, Materialismus, Technologie-Gläubigkeit, schneiden ihr die Luft ab. Wo Massenmedien und Internet unablässig Bilderfluten und virtuelle Welten liefern, scheint kaum Raum für eigene Vorstellung zu bleiben. Im Kinderzimmer ersetzen vielfach Sachbücher das literarisch Fiktive. Selbst die Kunst scheint vielerorts dem Fantastischen zu misstrauen und hangelt sich an Tagesaktualitäten entlang. Aber auch psychischer und sozialer Druck bedrohen die Phantasie. So haben Studien ergeben, dass die allen Kindern ursprünglich eigene Lust an Kreativität und fantastischem Spiel bei Traumatisierung oder schwierigen sozialen Verhältnissen leicht verkümmert. Fantasie braucht nun mal Freiraum und Luft zum Atmen. Es versteht sich von selbst, dass all jene, die auf absoluten Wahrheiten bestehen, wie Ideologen, Fundamentalisten, Dogmatiker und Positivisten die Fantasie ersticken.

Es steht außer Frage: Alles Denken, das Neues schafft, bedarf der Fantasie. Sie macht uns zum Schöpfer wie Entdecker von Welten. Mit ihrer Hilfe vermögen wir nicht nur, über uns selbst hinauszudenken, sondern uns auch empathisch in andere hineinzuversetzen. Fantasie ist unverzichtbar zur Weltaneignung und -gestaltung, der mikrokosmischen eigenen wie der gesamtgesellschaftlichen makrokosmischen. Durchaus im Sinn von Joseph Beuys’ meist malträtiertem Anspruch, nach dem jeder Mensch dank seiner Fantasie ein Künstler sei. Also: Mehr Mut zur Fantasie!

Eva-Maria Reuther im OPUS Kulturmagazin Nr. 80 (Juli / August 2020) für das Schwerpunktthema Fantasie