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Dev Log #09 / Sie wird sinken!

Nichts ist so sicher wie die Tatsache, dass jede Titanic-Geschichte mit dem Untergang enden muss. Es ist die Grundlage des Mythos: Modernste Technik, höchster Luxus, viele bedeutsame Menschen an Bord, Jungfernfahrt – und dann der schnöde Eisberg, an dem all die Hoffnungen und Träume untergehen.

In der Probenarbeit sind wir gerade genau da: die Titanic ist getroffen und nun gehen die unterschiedlichen Figuren mit dem Thema unterschiedlich um. Und stehen damit auch als Sinnbild für das, was in vielen Krisen der Fall ist: die heldenhafte Arbeit geschieht meist ungesehen unter Deck (sein es Krankenpfleger*innen oder Soldat*innen, sein es Arbeiter*innen oder Erzieher*innen) die im Mythos („Glück auf!“) von Menschen angerufen werden, die von den eigentlichen Herausforderungen keinen blassen Schimmer haben und weit entfernt davon sind, sich die Hände dreckig zu machen.

Die Krise selbst trifft meist zuerst die Armen, um deren Rettung man sich (wenn überhaupt) im dritten oder vierten Schritt Gedanken macht, während die erste Klasse weiter ihren Luxusproblemen nachjagd und die eigentliche Katastrophe ignoriert.

Die Groteske funktioniert: die Dialoge sind so bitter, dass man ihnen nur mit Lachen begegnen kann – und dennoch bleibt das Stück an den relevanten Stück immer ernst.

In ein paar Wochen (Anfang Juni) haben wir alle Szenen erarbeitet und die Mechanik erarbeitet. Danach geht es an die Feinarbeit der Szenen, die Details, den Schliff. Bis jetzt läuft der Untergang also nach Plan!

DevLog #8 / Titanic auf Speed

Es gibt Rekordpotential: „Everybody knows Titanic“ kann zu einem unser kürzesten abendfüllenden Stücke werden.

Der erste Teil ist zu großen Teilen geprobt und wird mit gut 60 Minuten über die Bühne gehen. Dabei fliegen in rasanter Folge die Szenen über die Bühne, die vielen kleinen Erzählstränge fließen ineinander über und ehe man sich versehen hat, hat „unsere“ Titanic den Eisberg getroffen.

Wer also Sorge hat, dass ähnlich James Cameron’s Umsetzung das Schiff in Echtzeit untergeht und es quälend lange Szenen gibt, darf aufatmen. Denn „Everybody knows Titanic“ wird eine Achterbahnfahrt – satirisch, bissig, grotesk.

Apropos grotesk: wenn du eine Achterbahn durch die Titanic erleben willst, auch das gibt es auf YouTube!

Titanic-Mania

Jeden Tag gibt es (dank Unreal Engine) neue Videos auf Youtube mit „Walkthroughs“ durch die Titanic, immer wieder neue Berichte und Besonderheiten, der 1997 Titanic Film resoniert bis heute nach – es gibt in vielen Ländern Titanic Associations und jetzt ganz neu wieder einen Milliardär, der sich den Titanic Traum erfüllen möchte, indem er das Schiff nachbaut.

Sie ist für uns alle ein episches Beispiel für Mut, Widerstandsfähigkeit und Einsatzbereitschaft.

Bergbaumagnat Clive Palmer zu seinen Plänen zum Bau der Titanic II

Das war sie und bleibt sie: ein mächtiges Symbol, eine Metapher für „etwas“, der wahrgewordene (Alb-)Traum. Zugegeben – auch wir sind fasziniert von der Geschichte, sonst hätten wir sie nicht auf den Spielplan gestellt. Seit Monaten recherchieren wir und stoßen auf immer wieder neue, spannende Fundstücke. Aber bei all dem sollten wir nie vergessen, dass die über 1.500 Opfer und die 700 zum Teil stark traumatisiert Überlebenden unseren respekt verdienen. Ob eine Titanic II diesen Respekt zeigt? Oder über 100 Jahre weiter nur eine neue Auflage des Größenwahns unserer Zeit ist. Auch damit muss man sich beschäftigen – in unserem Stück.

DevLog #07 / Die Probenarbeit kann beginnen

Endlich. Nach monatelanger Suche nach dem richtigen Konzept, nach wochenlanger Arbeit an dem Text – jetz ist es soweit. Wir fangen mit den Proben an.

Die Darsteller:innen haben ihre Figuren erhalten. In den kommenden Monaten wird es darum gehen, diesen Leben einzuhauchen, deren Geschichte und Entwicklungen zu erzählen. Dabei wird es dieses Mal besonders herausfordernd: fast alle Darsteller:innen spielen mindestens zwei Figuren, müssen schnell auf der Bühne die Figur und Handlung wechseln, denn unser Stück ist geprägt von Dynamik, Fluss und Geschwindigkeit.

Endlich. Nach monatelanger Vorbereitung geht es daran, Figuren, die bisher nur in unser Vorstellung exisitierten auf der Bühne entstehen zu lassen. Sie alle sind liebevoll ausgestaltet und es liegt nun in der Verantwortung des Ensembles sie liebevoll umzusetzen.

Jetzt beginnt das Hadern, das Kämpfen, das Entdecken, das Ausprobieren, das Lieben – wer je leidenschaftlich Theater gespielt hat weiß, dass diese Arbeit richtig Spaß macht. Und wenn wir dann in knapp 250 Tagen die Arbeit auch noch zeigen dürfen, dann ist es wieder perfekt gewesen. Für den einen Moment.

Endlich.

Wer spielt wen? Das kannst du hier herausfinden!

Der Aufschub

Bei dem berühmten Ausbruch des Helgafell, eines Vulkans auf der Insel Heimaey, live übertragen von einem Dutzend hustender Fernsehteams, sah ich, unter dem Schwefelregen, einen älteren Mann in Hosenträgern, der, achselzuckend und ohne sich weiter zu kümmern um Sturmwind, Hitze, Kameraleute, Asche, Zuschauer (unter ihnen auch ich vor dem bläulichen Blildschirm auf meinem Teppich), mit einem Gartenschlauch, dünn aber deutlich sichtbar, gegen die Lava vorging, bis endlich Nachbarn, Soldaten, Schulkinder, ja sogar Feuerwehrleute mit Schläuchen, immer mehr Schläuchen, gegen die heiße, unaufhaltsam vorrückende Lava eine Mauer aus naß erstarrter kalter Lava höher und höher türmten, und so, zwar aschgrau und nicht für immer, doch einstweilen,, den Untergang des Abendlandes aufschoben, dergestalt, daß, falls sie nicht gestorben sind, auf Heimaey, einer Insel unweit von Island, heute noch diese Leute in ihren kleinen bunten Holzhäusern morgens erwachen und nachmittags, unbeachtet von Kameras, den Salat in ihren Gärten, lavagedüngt und riesenköpfig, sprengen, vorläufig nur, natürlich, doch ohne Panik.

Der Untergang der Titanic, Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt am Main, 2019

DevLog #6 / Eigentlich weiß es jeder

Manchmal dreht sich alles um ein einfaches Wort. Viele Aspekte der Story wurden im Dramaturgie-Team diskutiert, und wir haben meistens schnell Lösungen für offene Fragen gefunden.

Dann stießen wir auf das Wort „eigentlich“. Der vorletzte Satz im Stück ist ein Funkspruch. Die Titanic ist kurz vor dem Untergang, als Harriet Harrolds einen letzten Funkspruch absetzt:

Titanic an alle. SOS. Save our Souls. Wir sinken. Und dies ist unsere eigentliche Geschichte. STOP.

Natürlich ist Harriet Harrolds historisch nicht belegt. Und natürlich wurde nie ein Funkspruch am Ende abgesetzt. Dennoch soll dieser Satz das Wesentliche unserer Geschichte einfangen. Es geht nicht um das historische Ereignis an sich, sondern um die ikonographische Bedeutung der Katastrophe und ihren „eigentlichen“ Kern, das, was sie uns heute noch sagen kann.

Das Wort „eigentlich“ ist kein schönes deutsches Wort. Umgangssprachlich wird es oft relativierend und als Füllwort verwendet, wodurch sein Image weiter leidet. Es geht nicht nur um diesen einen Satz, sondern auch um den Titel, der sich daraus ableitet.

Bei der Suche nach Alternativen sind wir an unsere Grenzen gestoßen. „Die wahre Geschichte“ wäre nicht passend, da unsere Geschichte fiktiv ist. Im Englischen wäre es etwas einfacher gewesen, da das Wort „real“ beide Bedeutungen umfasst: „The real story of the Titanic“.

Wenn man sich verrennt, muss man vielleicht wieder an den Anfang zurückkehren. Eine der ersten Titeladaptionen war „Everybody knows Titanic“. Der Titel spielt auf das Lied „Everybody knows“ von Leonard Cohen an und darauf, dass die Katastrophe vorhersehbar und vermeidbar war.

Daher könnte Harriet am Ende auch funken:

Titanic an alle. SOS. Save our Souls. Wir sinken. Und alle wussten es. STOP.

Casting voraus!

Die probenfreie Zeit für die aktiven Teilnehmer*innen neight sich dem Ende zu. Am kommenden Samstag geht es los: jede*r kann zeigen, welche Figur ihr bzw. ihm besonders am Herzen liegt – und wieviel Spielfreude dieses Mal dabei ist.

Und es wird nicht einfach: jede*r spielt mindestens zwei Figuren, geprägt von vielen dynamischen Wechseln – und alle sind fast immer auf der Bühne. Das wird eine herausfordernde Probenzeit!

Wir freuen uns aber erst einmal, den Projektstart weiter voranzutreiben. Am 02.03. geht es dann ganz offiziell los mit der Projektvorstellung und am 09.03. steht die erste Probe an.

DevLog#4 / Titanic / Lose Enden

Es könnte auch einfach sein. Aber statt „nur“ 20 Figuren zu erstellen, sind es bei uns 36. Alle brauchen ihre Aufmerksamkeit, alle ihre Motivationen und Handlungen – und die sollten auch nachvollziehbar sein.

Das Schreiben wird dadurch schwieriger. Immer wieder müssen Erzählstränge nei geknüpft werden, die Beziehungen überpüft und analysiert werden, wie sich die Figur – in der kurzen Zeit, die sie hat – entwickelt. All das hat uns etwas zurückgeworfen, denn das Schreiben ist dadurch komplexer geworden.

Aber es lohnt sich (denken wir). Das Stück bekommt durch die Vielzahl an Figuren etwas dynamisch Wimmeliges. Die Szenen sollen ineinander fließen und immer wieder schnell Perpsektiven wechseln.

Ein Licht am Ende des Tunnels ist da: die letzte Szene wartet noch darauf, ausformuliert zu werden. Dann haben wir eine Textversion, mit der es sich ab dem 09.03. in die Probenarbeit einsteigen lässt.

DevLog #3 / Titanic / Story-Design

Seit über hundert Jahren bist du auf der Reise. Jedes Mal treffen wir uns. Jedes Mal sinkst du. Jedes Mal sterben Hunderte. Alle wissen es. Alle.

Eisberg in „Everbody Knows. Titanic.“ von KjG Theater

Wenn wir die Geschichte als reale Fiktion (oder fiktive Realität) sehen, was ist dann die Handlung?
Der Rahmen ist klar: das Schiff fährt los, es trifft den Eisberg, es sinkt. Aber was macht die Handlung aus? Wenn wir „Titanic“ als eine Schlüssel-Ikone für die Katastrophe sehen, dann wird die Handlung das unterstützen müssen. Jetzt wird klar: da wir frei von historischen Zwängen sind, können wir besser zuspitzen. Dabei ist die Handlung tatsächlich inspiriert von historischen Fakten. In fast jedem Handlungsstrang findet sich ein Konzept, das es 1912 gegeben hat. Natürlich, denn dieses Konzept ist die Blaupause der Katastrophe.

Boarding – los geht es mit dem Boarding, den Träumen, Wünschen, Sehnsüchten und auch Motivationen.
Weiter geht es mit dem Leben an Bord – Beziehungen können sich entwickeln, Handlungsstränge werden etabliert, Figuren erhalten ihre Kontur.
Und dann beginnt die Katastrophe. Wie reagieren jetzt die Figuren bis zum Augenblick des Untergangs?
Immer wieder wechseln wir dabei zwischen der ersten und der dritten Klasse. Und eingerahmt wird die Handlung von der Sicht in die Heizer-Räume, zu den 29 Öfen, die den Dampf für den Antrieb erstellen und den Funker-Raum.
Nicht betrachtet wird die Brücke. Den Kapitän als Figur gibt es nicht. Die Katastrophe wird aus der Sicht der Passagiere, der Heizer und der Funker erzählt.

Jetzt dürfen wir zuspitzen, grotesk werden und damit Absurdiäent verdeutlichen, die erschreckende Parallelen in unsere Gegenwart haben. Damit wird unsere Titanic zeitlos.

Im „Titanic“-Wrack fand man keine sterblichen Überreste. Stimmt’s?

von Christoph Drösser in ZEIT Nr. 06/2024

Mehr als 1.500 Menschen sind beim Untergang der Titanic im Jahr 1912 ums Leben gekommen. Die meisten der Opfer befanden sich auf dem Schiff, als es sank. Das Wrack, 1985 entdeckt, liegt in 3.800 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund. Seitdem haben viele Tauchfahrten zur Unglücksstelle stattgefunden. Allein James Cameron, der Regisseur des Titanic-Films, hat das Schiff 33-mal mit einer Tauchkapsel erkundet. Aber auf keinem der Bilder vom Wrack sind Leichenteile zu sehen. Und das nicht aus Gründen der Pietät: „Wir haben Kleidungsstücke gesehen, wir haben Schuhe gesehen. Aber wir haben niemals menschliche Überreste gesehen“, erzählte Cameron im Jahr 2012 der New York Times.

Dass die weichen Teile des menschlichen Körpers sich in dieser langen Zeit im Wasser auflösen oder von Meeresbewohnern gefressen werden, ist plausibel. Aber was ist mit den Knochen? Im Wrack der Vasa, die auf ihrer Jungfernfahrt 1628 in der Ostsee sank, wurden nach über 300 Jahren Skelette gefunden. Was also geschah mit den toten Passagieren der Titanic?

Unsere Knochen bestehen zum großen Teil aus Kalziumverbindungen. Und deren Löslichkeit im Meerwasser hängt stark von der Wassertiefe ab. In flacheren Gewässern wie der Ostsee erhalten sich Knochen sehr gut. Sie sinken zu Boden und bilden dort Sedimente.

Aber unterhalb einer bestimmten Tiefe beginnen sich Kalziumverbindungen viel stärker aufzulösen als weiter oben. Lysokline nennt man diese Wassertiefe, im äquatorialen Bereich des Pazifiks liegt sie bei etwa vier Kilometer Tiefe, im Atlantik bei etwa fünf. Jeweils noch ein paar Hundert Meter tiefer befindet sich die Karbonat-Kompensationstiefe, eine Grenzfläche, unterhalb derer sich gar keine Karbonat-Sedimente mehr bilden. Wie tief genau diese Grenze verläuft, hängt von vielen Faktoren ab, einige Kilometer sind es in jedem Fall.

Das Titanic-Wrack mit seinen 3.800 Metern liegt in einer Region, in der Knochen beschleunigt abgebaut werden. Deshalb kann man annehmen, dass sich die sterblichen Überreste der Passagiere mit den Jahrzehnten restlos aufgelöst haben.

Auch wenn der Titanic-Entdecker Robert Ballard spekuliert, dass sich in Hohlräumen des Wracks unter besonderen Bedingungen noch Überreste befinden könnten – die Wissenschaft spricht dagegen.