Perfekt ist der Feind von gut?

Jede Woche stellen wir eine neue „Saite“ (Szene) der Orpheus Shorts vor. Die bisherigen Saiten:
(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?

Ein Mann sitzt an seiner Schreibmaschine. Die Hände liegen bereit wie bei einem Pianisten. Es klackert. Dann Stille. Dann verschwindet das Blatt in der Schublade.

Ein neues Blatt, sehr sorgfältig eingezogen. Zerknüllt. Ein Ritual des Nichtschreibens.

Dabei läuft alles gut für ihn. Sein letztes Buch steht auf den Bestsellerlisten, er ist für den Buchpreis nominiert.

Nur hört er das nicht. Er hört etwas anderes, und er hört es überall: aus dem Telefon, vom Postboten, von seiner Haushälterin, aus dem Fernseher. Sogar aus der Schreibmaschine.

„Ihr letztes Buch war total wertlos und langweilig – von der ersten bis zur letzten Zeile.“

Dann reden alle weiter, als wäre nichts gewesen. Gesagt hat es ja auch niemand. Was da spricht, ist seine eigene Stimme – das, was er die anderen über sich denken hört. Widersprechen kann er ihr nicht: Sie steht nicht im Raum, sondern im Kopf.

„Perfekt ist der Feind von gut“, sagt seine Freundin. „Du bist zu streng zu dir.“ — „Wenn ich nicht mein strengster Kritiker bin“, antwortet er, „dann werden sie mich zerfleischen.“

Sein Anspruch ist so hoch geworden, dass nichts mehr daran vorbeikommt. Kein Satz, kein Bild, keine Figur. Und wonach er sucht, ist am Ende gar nicht das perfekte Buch. Es ist sein erstes – geschrieben, als noch niemand etwas von ihm erwartete, er selbst am wenigsten. Ein Erstlingswerk schreibt man nur einmal.

Den Rest besorgen die Stimmen. Am Ende steht kein strengeres Buch. Es steht gar keins.

Auch er will etwas zurückholen, das es nicht mehr gibt.

„Perfect is the enemy of good“ ist unsere dritte Saite, unsere Tragikomödie. Sie ist komisch, solange man von außen zusieht.

Nächste Woche stellen wir dir die vierte Saite vor. Da geht es um eine Malerin – und um ein Bild, das du den ganzen Abend nur von hinten sehen wirst.