Wenn du dich vorab über unser Stück informieren willst, bieten wir dir jetzt schon einige spannende Texte! Eine erste Übersicht findest du in diesem Beitrag, mehr hier:
Was unser Orpheus nicht lernt – ein Schlüsseltext zur Inszenierung
Die sieben Geschichten im Detail
Die Geschichte ist schnell erzählt. Orpheus‘ Frau Eurydike stirbt. Orpheus steigt in die Unterwelt hinab und singt so lange, bis Hades und Persephone nachgeben: Er darf sie zurückholen – unter einer einzigen Bedingung. Er darf sich auf dem Weg nach oben nicht nach ihr umdrehen. Kurz vor dem Ausgang blickt er zurück und verliert sie ein zweites Mal, endgültig.
So kennen wir sie heute. Aufgeschrieben hat sie in dieser Form der römische Dichter Vergil – aber erfunden hat er sie nicht. Sie ist da schon rund fünfhundert Jahre alt, und Vergils Fassung ist bloß die älteste, die uns erhalten geblieben ist. Bei den Griechen hieß Eurydike zwischendurch Agriope. Und in manchen ihrer Fassungen geht die Sache gut aus.
Überhaupt war der Gang in die Unterwelt lange nicht das Wichtigste an Orpheus. Er fuhr als Argonaut mit Iason und Medea. Er galt als der vollkommene Musiker, dem Tiere, Bäume und Felsen zuhörten. Und um ihn herum entstand eine ganze Religion, die Orphik, mit Mysterien und der Vorstellung von der Wanderung der Seelen.
Mythen sind vielfältig. Heute hätten wir sie gern harmonisiert, damit alles zusammenpasst – aber Varianten mussten nie zueinanderpassen. Genau das hat uns gereizt. Wir erzählen den Mythos nicht nach, wir erzählen ihn sieben Mal neu: sieben Kurzstücke über Menschen, die etwas verloren haben, das für sie alles war. Mal satirisch, mal tragikomisch, mal dramatisch. Und doch immer gleich. In jeder dieser Geschichten steckt ein Orpheus und eine Eurydike – man muss nur wissen, wonach man sucht.
Orpheus gilt als der erste Künstler überhaupt: der geniale Schöpfer, dem sogar der Tod zuhört. Diese Erzählung kennt nur zwei Plätze – das Genie und die Muse an seiner Seite. Bei uns kommt die Aufteilung nicht vor, auch nicht mit vertauschten Rollen. Unsere Figuren scheitern nicht daran, auf dem falschen Platz zu stehen, sondern an der Vorstellung selbst: dass Kunst jedes Opfer wert sei. Sie setzt einer Filmemacherin genauso zu wie einem Schriftsteller. Uns geht es um die Macht der Kunst, nicht um die Macht des Künstlers.
Bleibt die Frage, die seit zweieinhalbtausend Jahren keine gute Antwort gefunden hat: Warum dreht er sich um? Weil er es nicht aushält, nicht zu wissen? Weil er ihr nicht traut? Oder weil er ahnt, dass hinter ihm längst niemand mehr geht?
Wir haben eine Vermutung. Die verraten wir dir aber erst am Ende des Abends.
Es ist unser Stück. In deiner Welt.
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