Was unser Orpheus nicht lernt

Unser Programmheft ist im Druck. Bis zur Premiere stellen wir hier schon einige Texte daraus vor. Den Anfang macht die Frage, woher unsere Geschichte eigentlich kommt und was sie in ihrer ältesten Fassung erzählt.

Die älteste erhaltene Fassung unserer Geschichte steht in einem Lehrgedicht über Landwirtschaft. Vergil schreibt im vierten Buch der Georgica über Bienenzucht, und ganz am Ende hängt er eine kleine Erzählung an: Ein junger Imker namens Aristaeus verliert sein Bienenvolk und bricht in Tränen aus. Um ihm zu helfen, erzählt ihm ein Meergreis eine Geschichte – die von Orpheus und Eurydike.

Der Literaturwissenschaftler Terence Dawson hat diesen Doppelbau untersucht. Was er darin findet, ist unbequem.

Zwei Begriffe stehen bei ihm im Zentrum. Unerträglicher Verlust heißt: der Verlust von etwas, das so viel wert ist, dass man sich ein Leben ohne es nicht vorstellen kann. Unerfüllbare Sehnsucht heißt: das Verlangen, genau das zurückzuholen – obwohl es nicht zurückkommen kann.

Vergils Fassung, schreibt Dawson, handelt nicht von Liebe. Von dem, was Orpheus und Eurydike vor ihrem Tod miteinander hatten, steht bei Vergil kein einziges Wort. Sie handelt davon, wie er an ihr festhält, nachdem sie tot ist. Eurydike war für ihn das höchste Gut, der Maßstab für alles. Ohne sie kann er sich kein Leben vorstellen – und deshalb kann er sie nicht gehen lassen.

Und dann kommt der Satz, der alles dreht: Ein Mythos handelt nie von seiner Geschichte. Die Bienen sind nicht das Thema. Vergil interessiert, wie Aristaeus sich verhält: Er reagiert maßlos auf einen Verlust, der sich ersetzen ließe – Bienen bekommt man beim Nachbarn. Und die Geschichte, die man ihm erzählt, führt ihm jemanden vor, der genauso reagiert – Orpheus.

Orpheus steigt hinab, bekommt sie unter der einen Bedingung zurück, dreht sich doch nach ihr um und verliert sie ein zweites Mal. Er steht mit leeren Händen da. Dawson fügt hinzu: schlimmer noch, er kommt zurück, ohne etwas gelernt zu haben. Statt sich zu fragen, was ihm da widerfahren ist, versinkt er tiefer in seiner Trauer. Er geht nicht nach Hause, sondern immer weiter fort. Er verliert den Boden unter den Füßen.

Die Aufgabe, sagt Dawson, war nie, Eurydike zurückzuholen. Sie war: zu erkennen, dass er keinen Anspruch darauf hatte, sie zurückzubekommen. Sie als tot anzunehmen. Und sein Leben neu einzurichten.

Aristaeus lernt ebenso wenig. Er versteht nicht einmal, warum man ihm diese Geschichte überhaupt erzählt hat. Am Ende bekommt er neue Bienen, und es sieht aus wie ein gutes Ende. Dawson borgt sich dafür eine Zeile von T. S. Eliot: Er hatte die Erfahrung, aber ihren Sinn verfehlt.

Fünf Begriffe hält Dawson am Schluss fest: unerträglicher Verlust, unerfüllbare Sehnsucht, Abstieg – und dazu Verzweiflung und Selbst-Bewusstsein, also sich seiner selbst bewusst werden. Die ersten drei, vermutet er, gehörten schon zum griechischen Mythos. Die beiden letzten hat Vergil hinzugefügt.

Weil der Mythos nicht an seiner Geschichte hängt, sondern an diesen Begriffen, erzählen wir siebenmal und nicht einmal. Sieben Menschen verlieren etwas, ohne das sie sich ihr Leben nicht vorstellen können. Niemand bekommt es wieder. Der Blick zurück ist die Erkenntnis: Es ist verloren. Die eigentliche Frage kommt danach, und sie ist jedes Mal dieselbe: Wer bin ich, wenn es verloren bleibt?

Nach: Terence Dawson, „The Myth of Orpheus and Eurydice as Moral Philosophy: Virgil’s Epyllion“, in: Orpheus and Eurydice in Myth, History, and Analytical Psychology. Routledge, London 2025, S. 15–25. Übersetzung und Zusammenfassung von uns. Die Zeile „Er hatte die Erfahrung, aber ihren Sinn verfehlt“ stammt aus T. S. Eliot, The Dry Salvages (1941).

Du möchtest dich weiter zu dem Stück informieren? Finde hier unsere Impulse zu den sieben Kurzgeschichten von Orpheus Shorts:

(1) Zu groß zum Sterben?
(2) Kein Opfer ist zu groß?
(3) Perfekt ist der Feind von gut?
(4) Kann Kunst die Welt verändern?
(5) Kann es überhaupt möglich sein?
(6) Hat jede Geschichte ein Ende?
(7) Warum würdest du weniger sein wollen