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Korinth – die Gewaltige

Die Gewaltige. Eine zarte Landzunge trennt die beiden Meere – den Sayonischen Golf (an den auch Athen angrenzt) und den Golf von Korinth (der das nördliche griechische Festland und die Pelepones im Süden trennt). Ganz in ihrer Nähe – ein mächtiger Tafelberg, der zudem über zahlreiche Quellen verfügt. Kein Wunder, dass Korinth eine der ältesten dokumentierten Siedlungen in Griechenland ist. Die Festung auf dem Tafelberg (Akrokorinth) ist eine beeindruckende Machtaussage, die von Nah und Fern wahrgenommen werden musste und war nur schwer einzunehmen. Bis weit in das Mittelalter hinein wurde von hier die Pelepones dominiert. Wer einmal heute in den Überresten der Anlage war, wird eine Ahnung haben, wie sich Akamas der Astronom und Berater des Königs in unserem Stück gefühlt haben muss, hier weit oben über allen Gipfeln der Umgebung mit einer Weitsicht, die ihm jede Bewegung aus jeder Himmelsrichting über Kilometer hinweg ermöglichte.
Aufgrund seiner strategischen Lage war es einer der wichtigsten Handelsplätze in der Antike. Gewaltige Stadtmauern haben den Hafen im Norden und die Festung umgeben, weitläufige Plätze, stattliche Häuser – eine wohlhabende Stadt, die keinen Hehl daraus macht, ihren Reichtum offen zur Schau zu stellen.
Nur zu verständlich, dass Iason nach dem Debakel in Iolkos hier eine neue Chance witterte, seine Reputation aufzubessern. Eine strategische Hochzeit mit dem Königshaus würden ihm ganz neue Optionen auf Macht ermöglichen, wenn er denn eines Tages König Kreon auf den Thron der Macht folgt. Und nur zu verständlich, dass die Kolcher in dieser Umgebung, in der sie außerhalb der Stadtmauern in einfachsten Behausungen leben mussten und täglich den Komfort und den Luxus vorgeführt bekamen, der für sie unerreichbar blieb, nie wirklich eine neue Heimat finden konnten.

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Kolchis – die Fremde

Die Fremde. Am Ende des Schwaren Meeres gelegen, in der schroffen, wenngleich durchaus fruchtbaren Gegend des Kaukasus. Legendär ist Kolchis für die antike Goldgewinnung und daher wohl auch Ziel zahlreicher Beutefahrten. Wahrscheinlich wurde dort das Gold aus den Flüssen mit Widderfellen gewaschen – die mythologische Grundlage für das „Goldene Vlies“. Kolchis war keine Stadt sondern bezeichnete streng genommen eine Landschaft. Rund um den Medea Mythos entwickelten sich entsprechende Fiktionen um diesen Ort am „Ende“ des Schwarzen Meeres.

Obgleich archäologisch Steinbauten in Kolchischen Städten nachweisbar waren, hält sich in den Erzählungen eher die einfache Holzbauweise „der Stadt“. Überhaupt ist Kolchis als Gegenstück zur griechsichen Stadt zu verstehen und als solches „barbarisch“ eingestuft – also nach Auffassung der Griechen auf einer neideren Kulturstufe. Die Bezeichnung „Barabarentum“ dient innerhalb des heleozentrischen Weltbilds (das auch unsere Kultur bis heute maßgeblich prägt) als Abgrenzung und Abwertung für die Andersartigkeit fremder Kulturen.

Die Fremde also. Wie können wir uns diese Stadt vorstellen, die den Argonauten so unvorstellbar anders vorgekommen sein muss. Fremde Gerüche, fremde Speisen, fremde Kleidung, fremder Schmuck – und allen voran fremde Bräuche, die, wenn nicht richtig eingeordnet, grausam anmuten – wie die Himmelbestattung, die im Kaukaus üblich war – Tote wurden in Teile gehackt und den Vögeln übergeben. Da der Boden zu felsig und das Holz zu kostbar waren, war dies eine opportune Möglichkeit, die Verstorbenen würdevoll zu begraben. Heute noch findet sich diese Tradition beispielsweise im Himalaya. Was auf uns fremd wirkt, ist für den Fremden vertraut – und dem Fremden geht es genauso andersherum.

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Iolkos – Die Unerinnerte

Die Unerinnerte. Iolkos – die Stadt, über die viel gesprochen wird, aber die keine Erinnerung wert ist. Es ist die Geburtsstadt von Iason. Sein Vater Aison war hier König und Iason hat den Anspruch auf den Thron. Doch durch die Fehde von Pelias wurde Aison und seine Familie ausgelöscht, nur Iason überlebte, gerettet von der Amme, weit weg gebracht zu Cheiron, dem Zentaur, einem strengen Lehrer. Dort soll Jason auf seine Aufgaben vorbereitet werden – eine Schule für Helden. Und Cherion ist weise – Helden müssen nicht nur Kampfmaschinen sein, sondern das Leben lesen können. Wie sehr er hier mit seinem Schüler gescheitert ist. Die Aussicht auf den Thron, die Aussicht auf Macht, die Aussicht ganz oben an der Pyramide zu stehen, das trieb Iason an. Und so stürzte er sich mit den anderen Helden und einer Heldin in „das größte Abenteuer der Zeit“. Wie sehr muss Pelias sich gefreut haben, als die Unternehmung Argo endlich die Gestade von Iolkos verließ. Die Gewissheit, dass er es nicht schaffen würde und selbst wenn, die Gewissheit, dass er bis dahin die Macht so ausgebaut hat, dass selbst wenn er zurück käme, er keine Chance haben würde, den Anspruch durchzusetzen.
Iolkos, eine Stadt im südlichen Thessalien, in der Nähe vom heutigen Volos gelegen, findet außer in der Agronautensage keine weitere Erwähnung in anderen Mythen. Wie können wir uns die Stadt vorstellen? So wie die meisten antiken Städte: wahrscheinlich eine Akropolis mit einer Festungsanlage aus Zyklopenmauer, die die Stadt mit Hafen übersieht. Sie ist es nicht weiter wert von Medea erinnert zu werden, denn das, was ihr hier widerfährt, passt nunmehr in ihr Bild von Iason, der zwar ausgezogen ist, der gößte Held der Geschichte zu werden, doch am Ende an seiner Unfähigkeit das Leben zu lesen gescheitert ist.

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Auf Reisen mit Medea

In den kommenden Tagen wollen wir dich ein wenig auf unser Stück einstimmen und dir vorab die Orte der Handlung vorstellen.

Orte der Handlung sind Städte, in denen Könige herrschen. Einen „griechsichen Staat“, wie wir ihn heute kennen, gab es nicht. Das, was wir „griechisches Reich“ nennen, waren Stadt-„Staaten“, die teilweise untereinander nicht unterschiedlicher sein konnten (man denke an die Rivalität von Athen – der „Wiege der Demokratie“ – und Sparta, und wie beide Städte auch kulturell kaum unterschiedlicher hätten sein können). Und das Leben in diesen „Stadt-Staaten“ ist auch grundsätzlich anders, als wir es in dem heutigen modernen Nationalstaat kennen. Die Bewohner*innen konnten sich frei zwischen den Städten (ohne Pässe) bewegen und ihre Geschäfte betreiben, die Staatsmacht konnte zwar Fron-Abgaben einfordern, aber das „normale“ Leben, war meist unabhängig von dem Leben in den Palästen und Königshäusern, solange nicht ein Krieg auf der Tagesordnung stand.
Gab es Medea wirklich? Ist die Geschichte der Argonauten wahr? Gab es Kreon und Kreusa wirklich? An den griechischen Mythen ist mehr wahrer Kern, als wir es heute glauben mögen. Das Konzept einer rein „fiktiven Erzählung“ (wie zum Beispiel Fantasy Literatur) ist eher neuzeitlich. Die großen grieischen Mythen und Sagen sind Erzählungen, die, wie das Wort schon sagt, mündlich überliefert wurden. Und jeder weiß, dass ein Fisch, den man geangelt hat, mit jeder neuen Erzählung etwas größer werden kann und die Umstände immer weiter ausgeschmückt wurden. Aber der wesentliche Kern, der Fisch, ist immer noch Ausgangslage. Und insofern kann man davon ausgehen, dass sich irgendwann vor vielen hundert Jahren, solche Gegebenheiten zugetragen haben.

Die drei wichtigsten Handlungsorte der Sage:

Iolkos – die Unerinnerte
Kolchis – die Fremde
Korinth – die Gewaltige

Noch 100 Tage

Während die Sommerhitze uns noch zusetzt (oder je nach Standpunkt auch verwöhnt) und wir in unser Probepause sind, hat sich die Countdown Uhr auf „100“ Tage bis zur Premiere gestellt. In den kommenden Tagen beginnen dann wieder unsere Proben und wie machen uns fit für die Aufführungen im November, wenn die Tage wieder deutlich kürzer sind und das Wetter wahrscheinlich wieder ungemütlich ist.

Ihr könnt auch schon was tun und eure Karten für die Aufführungen sichern! Wie immer gibt es bei uns reservierte Sitzplätze, so das gilt: je früher man bestellt, desto besser die Plätze.

Unsere „ultra-breite“ Bühne wird im November die Jugendkirche in ein Theater verwandeln und den Medea Mythos in einer neuen Art und Weise erzählen – Medea selbst geben wir die Möglichkeit, sich an die Geschehnisse „zu erinnern“ und in die dramatischen Szenen abzutauchen, die diesem einzigartigen Mythos inne sind.

Alle Infos zu Karten und Terminen findest du wie immer hier!

Medea Karten jetzt sichern!

Du erreichst uns unter karten@kjg-theater.de oder (0208) 30.67.58.67!

Du willst dir unsere Medea-Erzählung nicht entgehen lassen und sicher sein, die besten Plätze im Haus zu haben? Dann greif zu: ab sofort kannst du dir für alle sechs Vorstellungen deine Karten sichern. Die 5 Euro Spenden Beitrag kannst du easy via PayPal oder Überweisung begleichen.

Einige Highlights:
– 17 m breite Bühne
– drei Spielebenen
– aufsteigende Bestuhlung („Kino“) für Publikum
– alle Schauspieler*innen mikrofiniert

Unser 5 Euro Ticket

Seit Jahren bieten wir unsere „Eintrittskarten“ für 5 € pro Person an. Jede*r Besucher*in erhält dafür einen festen reservierten Sitzplatz für die Vorstellung und ein umfangreiches Programmheft mit unseren Gedanken rund um das Stück.

Auch bei Medea bieten wir dieses Angebot wie fast jedes Jahr an, um so vielen wie möglich Zugang zu unseren Aufführung zu ermöglichen, insbesondere in Zeiten, in denen alles um uns herum teurer wird. Die 5 Euro sind dabei eine Spende und gehen der KjG Theater-Jugendarbeit direkt zu Gute.

Das Wichtigste für uns ist, dass wir für euch spielen dürfen – und am liebsten vor einem vollen Rang! Und wir brennen auf das Wiedersehen im November. Also kommt nicht nur allein, sondern bringt viele Freund*innen und Bekannte mit 😉

Karten für Medea ab 25. Juni

Der Kartenvorverkauf für Medea – Reflections beginnt am 25. Juni 2022! Wie immer gilt: für nur 5 Euro sicherst du dir einen reservierten Sitzplatz und natürlich unser umfangreiches Programmheft.

Erlebe den Mythos Medea in einer einzigartigen Interpretation. Das Stück ist vollständig von und für KjG Theater entwickelt worden. Auf unser mehr als 18m breiten Bühne spielen wir auf drei Ebenen – und unser Publikum sitzt in aufsteigender Bestuhlung, so dass von allen Plätzen gute Sicht ist.

Trotzdem empfehlen wir: wenn du die coolsten Plätze haben willst (wir empfehlen mittige Plätze), dann schlag schnell zu!

Zeitlose Werte

Oder warum uns die alten Griechen immer noch nahestehen und wir uns mehr mit ihrer Geschichte beschäftigen sollten. Ein Plädoyer von ANGELOS CHANIOTIS.

Aus ZEIT Geschichte 02/2022 („Die alten Griechen“)

Vor Jahren wurde ich bei einem Empfang in New York einem bekannten Milliardär vorgestellt. Als er nach meinem Beruf fragte, entspann sich in etwa folgender Dialog: »Ich bin Althistoriker.« — »Und wozu braucht man heute noch die Alte Geschichte?« — »Gefällt Ihnen die Musik von Bach?« – »Ja, natürlich.« – »Genauso wie die zeitliche Distanz zwischen seinen Kompositionen und uns den ästhetischen Genuss nicht beeinträchtigt, so verringert die Distanz zwischen uns und der grie¬chischen und römischen Antike nicht den Wert von menschlichen Erfahrungen. Die Antike ist kein Vorbild zur Nachahmung, sondern ein Schatz von menschlichen Erfahrungen, die unsere Gedanken und Gefühle stimulieren.«

Ich weiß nicht, ob diese Antwort meinen Gesprächspartner überzeugte. Für mich besteht die Aufgabe des Althistorikers jedenfalls darin, Aspekte antiken Lebens, antiker Gesellschaft und Kultur für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Umgekehrt prägt die Gegenwart unseren Blick auf die Antike. So wie in Romanen die Erfahrungen des Schriftstellers zum Ausdruck kommen,spiegelt sich in der Geschichtsschreibung der jeweilige Zeitgeist. Wenn sich zum Beispiel die Althistoriker des 19. Jahrhunderts (es waren fast ausschließlich weiße Männer aus Europa) vor allem mit der Herausbildung von Nationalstaaten beschäftigten, waren sie ebenso stark von ihrer eigenen Welt beeinflusst wie die Althistoriker des ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhunderts (nun Europäer und Lateinamerikaner, Männer und Frauen, weiß, braun und schwarz), die ihr Augenmerk verstärkt auf die Frauen oder auf politisch-kulturell Außenstehende richten. Aus gegenwärtigen Interessen resultieren die Fragestellungen, die Althistoriker an die Geschichte richten. So stehen heute auch Themen wie Klimawandel und Wirtschaftskrise, Populismus und soziale Medien, Nationalismus und Globalisierung auf der Agenda der Alten Geschichte.
Indem die Althistoriker solche Themen aufgreifen und sich mit weit zurückliegenden Erlebnissen und Konflikten, Hoffnungen und Enttäuschungen auseinandersetzen, helfen sie uns, den Blick auf die Gegenwart kritisch zu schärfen. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, unser Leben bewusster zu führen.

Warum aber lohnt es sich, den Blick insbesondere auf die griechische Antike zu richten, also auf die Zeit vom ersten Erscheinen einer Hochkultur im späten 3. Jahrtausend im minoischen Kreta (ihre Träger waren keine Griechen) bis zum Selbstmord Kleopatras und dem Ende des letzten großen Königreiches im Jahr 30 v. Chr.? Geht es nur darum, unsere Neugierde zu befriedigen? Suchen wir nach den Ursprüngen uns bekannter politischer Institutionen, Kunst- und Literaturformen oder Worte? Oder hat die griechische Geschichte einen eigenen Wert?
In der Öffentlichkeit ist das antike Griechenland bis heute ausgesprochen präsent – in Wörtern und Begriffen, die wir benutzen (Amnestie, Demokratie, Tyrannei, Museum oder kolossal), in Aufführungen antiker Dramen, im Einfluss der griechischen Mythologie auf Kunst und Literatur, in der Popkultur, der allgemeinen Bildung, der Lektüre populärwissenschaftlicher Werke oder im Besuch eines archäologischen Museums. Sogar wenn wir uns als Europäer bezeichnen, verwenden wir einen Begriff, der im antiken Griechenland seinen Ursprung hat: Denn Europa (»die mit dem breiten Gesicht«) war nicht nur eine Prinzessin, die von Zeus in Stiergestalt aus ihrer Heimat in Phönizien, dem heutigen Libanon, entfuhrt und nach Kreta gebracht wurde, sondern auch die Bezeichnung einer Region, die ursprünglich in Mittelgriechenland lag, dann aber alle Gebiete westlich der Ägäis und des Schwarzen Meeres umfasste, die nicht zu Asien gehörten.
Seit den Perserkriegen im 5. Jahrhundert v. Chr. wurde Europa zu einem politisch-kulturellen Sammelbegriff, der in bewusster Abgrenzung benutzt wurde. Das mit dem Perserreich identifizierte »Asien« galt als Gebiet autoritärer Monarchen, während das mit Griechenland und seinen westlichen und nördlichen Nachbarn identifizierte »Europa« das Land der freien Bürgergemeinden war. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot sprach um 430 v. Chr. von einem ewigen Konflikt zwischen Asien und Europa, der nach der romantischen Ansicht Johann Gustav Droysens mit den Eroberungen Alexanders ein vorläufiges Ende zu finden schien: Alexanders Heer habe in Asien Wurzeln geschlagen und begonnen, »sich mit denen, die das Vorurtheil von Jahrhunderten gehaßt, verachtet [und] rohe Barbaren genannt hatte, zu versöhnen und zu verschmelzen«, schrieb der deutsche Historiker 1833 in seiner Geschichte Alexanders des Großen. »Es begann sich Morgen- und Abendland zu durchgähren und eine Zukunft vorzubereiten, in der beide sich selbst verlieren sollten.«
Auch heute sind die Europäer mit Fragen von Identität und Integration, Abgrenzung und Verschmelzung konfrontiert- kaum anders als die Griechen seit den Perserkriegen vor 2500 Jahren.

Oft hört man außerdem die Phrase, das antike Griechenland sei die Wiege der Demokratie. Ebenso wahr ist aber auch, dass das antike Griechenland die Wiege der Demagogie ist, einer unvermeidlichen (allerdings auch nicht unheilbaren) Wunde demokratischer Verfassungsordnungen. Wenn die klassische Welt für das Verständnis aktueller politischer Phänomene relevant ist, etwa für den Aufstieg autoritärer Regime oder das populistische Verhalten von Politikern, so hängt dies nicht mit einer vermeintlichen Überlegenheit der griechischen Antike gegenüber anderen Epochen oder Regionen zusammen, sondern ganz einfach mit der Tatsache, dass dort Phänomene zum ersten Mal auftreten, die gewisse Analogien zu unserer Welt aufweisen. Dazu gehören das Leben in urbanen Zentren, die Bildung wirtschaftlicher und kultureller Netzwerke, frühe Formen der Globalisierung, multikulturelles Zusammenleben, Mobilität, technologischer Fortschritt oder Experimente mit Bürgerbeteiligung.
Nehmen wir etwa das Phänomen des theatralischen Verhaltens in der Politik, das Bemühen von Staatsmännern, ein zumindest teilweise vorgetäuschtes Bild von sich selbst zu vermitteln. Um Kontrolle über die Gefühle und Gedanken anderer zu gewinnen, um Mideid, Zorn, Angst, Bewunderung oder Respekt hervorzurufen, greifen Politiker schon in der Antike auf verschiedene Tech-niken verbaler und nonverbaler Kommunikation zurück – vom sorgfältig abgefassten Text über die Wahl der Kleidung bis zur Kontrolle von Stimme und Körpersprache. Die politische Bedeutung des einstudierten und inszenierten Verhaltens lässt sich gut im klassischen Athen beobachten. So zitiert der Geschichtsschreiber Thukydides eine Rede des Demagogen Kleon, in der dieser das versammelte Volk mit den Kampfrichtern vergleicht, die die Preise in den dramatischen Wettkämpfen vergeben. Die Volksversammlung, der Ort, an dem politische Entscheidungen getroffen wurden, ähnelte einer Bühne, auf der den Sieg davontrug, wer den besten Text und vor allem die beste Inszenierung darbot.
Nach einem misslungenen Auftritt des Staatsmannes Demosthenes in der Volksversammlung erklärte ihm der Schauspieler Andronikos, seine Worte seien ausgezeichnet gewesen, die Aufführung aber mangelhaft. Als der Schauspieler betont theatralisch dieselbe Rede hielt, erkannte Demosthenes den Unterschied und nahm bei ihm Unterricht. Als man ihn später fragte, was denn das Wichtigste in der Redekunst sei, soll seine Antwort gelautet haben: »Die Performanz.« Und das Zweirwichtigste? »Die Performanz.« Und das Dritte? »Die Performanz.«
Durch die Verbreitung der Theateraufführungen seit dem 5. Jahrhundert lässt sich eine Häufung theatralischer Elemente nicht nur in Reden, sondern auch in der Kunst beobachten. Die Statuen von Politikern – Mitgliedern der reichen Elite – in den hellenistischen Städten zeigen den tugendsamen Bürger mit dem passenden Kleid und dem faltenreichen Gesicht, das seine Hingabe und seine Erschöpfung durch die Last der politischen Verantwortung zum Ausdruck bringen soll. Der römische Rhetorik-Lehrer Quintilian, dessen Schriften auf hellenistische Vorbilder zurückgehen, gab Rednern den Rat, sie sollten ihre Erschöpfung zur Schau stellen, indem sie zum Beispiel ihren Mantel geschickt fallen lassen, Ströme von Schweiß produzieren und Zeichen von Müdigkeit zeigen; dadurch würden sie signalisieren, dass sie jede Mühe auf sich genommen hätten, um für das Wohlergehen ihrer Mitbürger zu sorgen.
Ein solch theatralisches Verhalten hat Schule gemacht. Der antike griechische Historiker Polybios berichtet, wie König Antiochos IV. sich um 170 v. Chr. dem Volk als betont umgänglicher und nahbarer Politiker präsentierte: »Oft zog er das königliche Gewand aus und trug die Toga, ging in der Agora herum, nahm an den Wahlen teil und bat die Menschen um ihre Stimme, umarmte einige und bettelte andere an, um als Aedil oder Tribun gewählt zu werden.« Der autoritär regierende König spielte die Rolle des Bürgers, der sich um ein öffentliches Amt bewirbt – Kostümwechsel und volksnahes Auftreten sollten die Illusion einer demokratischen Herrschaft erzeugen.
Zwei Millennien später beobachten wir, wie Politiker mithilfe von Photoshop oder gefärbtem Haar versuchen, sich den Eindruck von Jugend und Kraft zu geben. Und immer noch wechseln Kostüm und Maske. Russlands Präsident Putin lässt sich mal im seriösen Anzug, mal mit freiem Oberkörper fotografieren – das Autoritäre seiner Herrschaft vermittelt sich in einem Schauspiel traditioneller Männlichkeit. Der ehemalige US-Präsident Donald Trump trat entweder bedrohlich mit militärischer Jacke oder volksnah mit Baseballkappe auf – seine Anhänger sollten glauben, der Milliardär verstehe die Nöte des »kleinen Mannes«.

Die antike Demokratie und die antike Demagogie sind nur zwei Beispiele dafür, wie die griechische Geschichte in einen Dialog mit unserer Zeit treten kann. Generell lassen sich die meisten Themen althistorischer Forschung auf aktuelle Probleme beziehen. So diente etwa im 19. und frühen 20. Jahrhundert das Studium des Römischen Reiches als eine der Grundlagen für die Untersuchung des Imperialismus, damals vor allem im Zusammenhang mit dem britischen Empire. Heute werden oft die hellenistischen Bundesstaaten als frühe Formen von Föderalismus und repräsentativer Demokratie herangezogen, um den Prozess der europäischen Einigung kritisch zu betrachten. Und die athenische Demokratie dient als Folie für Vergleiche, wenn in den Politik- und Sozialwissenschaften oder in der Öffentlichkeit mal wieder über eine Neubelebung unserer Demokratie debattiert wird.
Wiederholt war die Antike Gegenstand ideologischer Ausbeutung, vor allem durch die Nationalsozialisten oder die Verreter der britischen Kolonialherrschaft, aber auch durch die Frauenbewegung oder andere politische Strömungen. In den 1930er-Jahren war der Künstler Hugo Gellert nicht nur vom Marxismus und von der Arbeiterbewegung inspiriert, sondern ebenso von den Fabeln des griechischen Dichters Asop; seine Li-thografien und Illustrationen (Aesop Said So, 1936) waren ein Angriff auf die Industriellen und Kapitalisten seiner Zeit. Ähnlich wurde Spartakus zum Symbol des unermüdlichen Kampfes gegen Unterdrückung und Sklaverei; er gab nicht nur einer Gruppe deutscher Revolutionäre zwischen 1916 und 1919 seinen Namen, sondern auch den malenden »Neuen Spartakisten« der Moderne.

Der Dialog zwischen der »klassischen« und der zeitgenössischen Welt ist stets lebendig, die Fragestellungen verschieben sich. Aktuell geht es vor allem um die Bedeutung von Emotionen in der Politik — man denke an die »Wutbürger« —, um Netzwerke oder Identitätsbildung. Die Fragen der Althistoriker folgen dem: Wie bilden sich Identitäten, wie reagieren Menschen auf das Fremde? Wann wird kulturelle und religiöse Vielfalt als Bereicherung toleriert, wann als Bedrohung verfolgt? Am Beispiel der Antike lässt sich außerdem studieren, wie Menschen mit Krisen und Naturkatastrophen fertigwerden. Welche Folgen hatte etwa die Epidemie in Athen 430 v. Chr. auf Moral, Politik und Religion? Welche Vorstellungen hatten die Griechen von göttlicher Gerechtigkeit und Krankheit als Strafe?
Neue Themen ergeben sich aber nicht nur aus aktuellen Anlässen, sondern auch durch die Erschließung neuer Quellen, die Entdeckung bisher unbekannter Texte – entweder Papyri oder Steininschriften, die alle nur denkbaren Aspekte des Lebens beleuchten, von der großen Politik bis zur individuellen Sexualität.
Die Texte auf Papyrus stammen fast ausschließlich aus Ägypten, Steininschriften hingegen werden in allen ehemals griechisch besiedelten Gebieten gefunden, von Südrussland bis Äthiopien, von Spanien bis Afghanistan.

Mein hier gehaltenes Plädoyer für den lehrreichen Wert der griechischen Geschichte stößt nicht überall auf Zustimmung. Bisweilen ist die Antike ganz aus unserem Bildungskanon verschwunden: Im Schulunterricht zum Beispiel wird dem klassischen Altertum nur noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Teil ist dies eine Reaktion auf die Tatsache, dass seit der Aufklärung zu viel Gewicht auf die griechische und römische Antike gelegt worden war — auf Kosten der Berücksichtigung anderer Kulturen. Ich nenne dies das »Gus-Portokalos-Syndrom« – mein Ausdruck für eine einseitige, selektive Betrachtung und kritiklose Idealisierung der griechischen Kultur.
In dem Film My Big Fat Greek Wedding behauptet Gus Portokalos, ein griechischer Einwanderer in Chicago, dass jedes Wort aus dem Griechischen stamme. »Kimono« etwa leitet er vom griechischen Wort chimonas (»Winter«) ab: »Was tragt ihr im Chimonas, um euch warm zu halten? Einen Rock. Seht her! Chimonas – Kimono.« In seiner Welt gibt es zwei Kategorien von Menschen: die Griechen und diejenigen, die gerne Griechen wären. Gus nimmt einen Ausländer als Schwiegersohn an, schließlich ist sein Name griechischer Abstammung: Miller, also ursprünglich Milo (Apfel). Da Portokalos mit Portokali (Orange) zusammenhängt, konstatiert Gus: »Wir sind unterschiedlich, aber letztendlich sind wir alle Früchte.« Gus kennt keine Bigotterie; aber nur ein kleiner Schritt trennt das Wunschbild einer dominanten Kultur vom Glauben an die Überlegenheit einer Gruppe, Nation oder Rasse.
Dass dem Studium des antiken Griechenlands und Roms in der westlichen Bildung, insbesondere in Europa, lange Zeit eine privilegierte Stellung eingeräumt wurde und dass Griechenland und Rom manchmal idealisiert und mystifiziert wurden, sollte den Wert dieses Studiums heute aber nicht schmälern. Zumal sich das Thema internationalisiert hat: Die griechische Antike in einen Dialog mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts treten zu lassen ist inzwischen Aufgabe der Althistoriker nicht nur in Europa und Nordamerika, sondern auch im Fernen Osten oder in Lateinamerika. Durch die Jahrhunderte überliefert und zum »Klassiker« des bürgerlichen Bildungskanons erhoben, haben die griechische Kunst und Literatur ihre ethnischen, geografischen und zeitlichen Grenzen überschritten und einen universellen Wert erlangt. Sie konfrontieren Männer und Frauen zu jeder Zeit und in jeder Kultur mit grundlegenden Problemen der menschlichen Natur, archetypischen emotionalen Konflikten und wiederkehrenden Verhaltensmustern.
Nehmen wir zum Beispiel eine Szene aus Homers Ilias. In Buch 24, dem letzten, tritt Priamos, der König von Troja, an Achilles heran, der seinen Sohn Hektor getötet hat, und bittet um die Übergabe des verstümmelten Leichnams, um ihn zu bestatten. Wie kann Priamos den Mann überreden, der in Trauer und Wut über den Tod seines Freundes Patroklos den Leichnam Hektors hinter seinen Wagen gebunden und um die Mauern Trojas geschleift hat? Priamos kniet vor Achilles, küsst die Hand, die mehrere seiner Söhne und Verwandten getötet hat, und sagt vier Worte: »Denk an deinen Vater«.
Vier Worte brechen den unzerbrechlichen Krieger. Sie schaffen ein emotionales Band zwischen den Feinden, indem sie an das erinnern, was die Feinde eint: die Menschlichkeit. Achilles denkt an seinen Vater, der wie Priamos den Tod eines Sohnes beklagen wird, und kann die Bitte des alten Mannes nicht abschlagen. Vereint im Schmerz – der eine über den Tod eines Sohnes, der andere über den Verlust eines Freundes —, aber vor allem vereint durch die gemeinsame Menschlichkeit, weinen der trojanische König und der griechische Held gemeinsam. Schon allein deshalb, um Homers Verse im Original lesen zu können, lohnt es sich, Altgriechisch zu lernen.

Warum also sollte man sich heute noch der griechischen Geschichte widmen? Wenn Ihnen eine Sonate Beethovens oder ein lateinamerikanisches Volkslied Freude bereitet, wenn Sie ein Drama Shakespeares rührt, wenn Sie sich von einem Gemälde da Vincis oder von einer altjapanischen Zeichnung angezogen fühlen, kennen Sie die Antwort. Sie haben eine Erfahrung gemacht, die jeder Althistoriker bei seiner Beschäftigung mit einer noch ferneren Vergangenheit macht: die Erfahrung, dass der Wert des von Menschen Erschaffenen keineswegs vom zeitlichen Abstand zu uns abhängt, sondern von seiner Fähigkeit, Gefühle, Träume und Gedanken in uns zu wecken.